Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 1

Man sieht nur, was man weiß

Die Bilderlüge

Fotos können Quellen der Stadtgeschichte sein. Wie jede Quelle bedürfen sie aber der kritischen Würdigung. Während es für schriftliche Quellen seit der Entstehung der modernen Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert eine verbindliche Methode der Quellenkritik gibt, wird mit bildlichen Quellen oft naiv verfahren. Gerade bei Fotos meint man, sie gäben die Wirklichkeit so wieder, wie sie gewesen ist. Fotos enthalten eine mehr oder weniger subjektive Sicht von Wirklichkeit ebenso wie Gemälde oder Texte.

Schon bei der Aufnahme werden durch Motivwahl, Aufnahmestandpunkt und -ausschnitt subjektive Einflüsse wirksam, die durch technische Faktoren (Objektiv, Blende, Filter) noch unterstützt werden können. Inszenierungen wie etwa das Arrangieren von Personen oder Sachen können hinzukommen. All das ist aus dem Bild allein schwer zu erkennen. Auch Manipulationen am Negativ oder Positiv (Montagen, Retuschen, Ausschnittsvergrößerungen) oder eine abweichende, das Bild absichtsvoll in andere Zusammenhänge steuernde Betextung erkennt man meist nur, wenn man den Originalabzug und dessen eventuell vorhanden Originalbetextung vor sich hat.

Aussagen über Ausmaß und Qualität der Interpretation von Wirklichkeit durch ein Foto werden um so zuverlässiger, je mehr Hintergrundinformationen sich über den Entstehungszusammenhang des Fotos und über die Art und Weise, wie der Fotograf seinen Gegenstand vermitteln wollte, gewinnen lassen. Es gilt dabei zu recherchieren, wer der Auftraggeber war, welche Bedürfnisse das Foto erfüllen sollte, in welche Situation es eingriff, welche Interessen es wahrnahm und wie es rezipiert wurde.

Siedlung Bruchfeldstrasse, Foto: Paul Wolff, 1929
Zickzackhausen - Siedlung Bruchfeldstraße, Niederrad. Foto: Paul Wolff, 1929

Dies wird an dem abgebildeten Foto aus der Sammlung des Instituts deutlich: Es zeigt ein Paar auf der Dachterrasse eines Hauses. Die entspannte Haltung und die weißen Häuserreihen, die den Blick in die Tiefe ziehen, nehmen den Betrachter für die Architektur ein. Der Ortskundige erkennt die Siedlung Bruchfeldstraße in Niederrad, der Geschichtsinteressierte wird wegen der Mode eine Datierung in die Zwanziger Jahre wagen. Die weitere Recherche würde ergeben, daß es sich um eine Aufnahme Paul Wolffs handelt, die im Zusammenhang mit der Werbung für den Siedlungsbau des „Neuen Frankfurts“ des Baustadtrats Ernst May entstanden ist.

Nähe zum Grün sowie eine Bauweise, die ein Maximum an Licht, Luft und Sonne ermöglichte, sollen den Bewohnern ein befreites Wohnen bieten, die Normierung von Grundrissen und Inneneinrichtung Gleichberechtigung und Gleichpflichtigkeit der Bewohner verdeulichen. Damit sollte die gemeinschafts-bildende und arbeitskrafterhaltende Architektur zur Herausbildung eines neuen Menschtyps beitragen.

Das Bild erweckt den Eindruck, als sei dieses Wunschbild vom entspannten, frei sich bildenden neuen Menschen bereits verwirklicht. Wer aber ist das junge Paar, das so sichtbar im Einklang mit der modernen Architektur lebt? Es handelt sich nicht etwa um Angehörige des jungen, modern fühlenden, sich geschmackvoll einrichtenden Mittelstandes, dem diese Architektur oft zugeschrieben wurde, sondern um Schauspieler, die auch in den entsprechenden Werbefilmen auftraten. Sie verkörpern das Ernst May vorschwebende sozialistische Lebensideal, bei dem sich Individualität und Kollektivität harmonisch miteinander verbinden. Mit Hilfe der Fotografie wird hier die Utopie einer kommenden Moderne vorgeführt. In Szene gesetzt sind nicht nur die realen Bauten, sondern zugleich auch die Visionen des Architekten.

© Tobias Picard M.A.

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