Was uns heute der Fernseher, Computer, Disko und sonstige Vergnügungen
der modernen Zeit, war dem Menschen des 19. bis ca. Mitte des 20. Jahrhunderts
sein Verein. Ihm wurde alle zur Verfügung stehende Zeit gewidmet (im Extremfall
5-7 Abende die Woche), zu Festumzügen beispielsweise bei Turn- oder Schützenfesten
füllten tausende von Menschen die Straßen Frankfurts und nicht nur
dort. Hatten die ersten entstehenden Vereine überwiegend bildungspolitische
oder politische Funktionen, wie z. B. Turnvereine in der Revolution 1848 oder
Gesangvereine mit nationalem Liedgut, so stand in späteren Jahren der
Freizeitcharakter im Vordergrund. Die neu entstandenen Schichten des Bürgertums
(Anfang des 19. Jh.´s) und später dann die Arbeiter organisierten
sich in Vereinen mit den verschiedensten Zielen. Spätestens mit der Gründung
des Deutschen Kaiserreichs schossen Vereine wie Pilze aus dem Boden.
Umzug beim Deutschen Turnfest 1908 in Frankfurt
(Archiv
des Frankfurter Turnvereins von 1860)
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Viele Vereine in Frankfurt förderten Kultur und Bildung, u. a. die Frankfurter
Museumsgesellschaft oder der Physikalische Verein, bei anderen standen Geselligkeit
und gemeinsame Unternehmungen im Vordergrund, so z. B. der Mittwochs-Club,
wieder andere verfolgten Ziele wie Körperertüchtigung. Von den Vereinen
erhofften sich viele Menschen (gerade bei den Turnvereinen) aber auch eine
sittliche und moralische Erziehung der Jugend. Als „Jungfrau“ mit der Herstellung
einer Vereinsfahne betraut zu werden, war eine hohe Ehre. Mitgliederlisten
von Vereinen wie der Casinogesellschaft lesen sich wie das „Who is who“ Frankfurts.
Kurzum: Vereine hatten einen wesentlich höheren Stellenwert in der Gesellschaft
als heutzutage.
Foto der Fahne von 1865
(Archiv des Frankfurter Turnvereins von 1860)
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Einen Verein zu gründen, war damals auch wesentlich leichter und unbürokratischer.
Dinge wie Gemeinnützigkeit wurden erst später „erfunden“, man musste
nur eine Satzung entwerfen, bei deren Gestaltung man praktisch freie Hand hatte,
und diese dann vom zuständigen Polizeiamt genehmigen lassen. Erst später
entstanden Vereinsregister mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches.
Die Verquickung von Verein und Gelderwerb (womit noch heute viele Vereine Schwierigkeiten
haben) war damals kein Problem, z. B. betrieb die Gesellschaft zur Errichtung
alkoholfreier Speisehäuser ohne Schwierigkeiten ein Restaurant. Wie frei
man bei der Gestaltung der Satzung im Gegensatz zur heute größtenteils
vorgeschriebenen Satzung war, zeigt auch folgendes Zitat aus der Satzung des
Mittwochs-Clubs:
„Mittwochs-Clubb.
§ 1
Unter obigem Namen wurde Mittwoch den 2ten April 1869, Nachmittags 4 ½ Uhr,
auf dem Heiligenstock, der Club von den Unterzeichneten gegründet.
§ 2
Er soll seinen Mitgliedern Gelegenheit geben, die nähere Umgebung von
Frankfurt unsicher zu machen, und bezweckt Aufsuchung schöner Spaziergänge
und guter und billiger Wirtschaften. Es steht zwar jedem Mitglied frei zu essen
und trinken, was es will, nach gemachten Erfahrungen wird indessen Aepfelwein,
und Butter und Käs vorgeschlagen. Ganz besonders wird vor Speck und Eier
in der Gegend um Ginnheim und vor Maitranck gewarnt. Ueber die auffallende
Wirkung des letzteren Getränkes, gibt auf Verlangen, ein hervorragendes
Mitglied unseres Clubes mit Vergnügen Auskunft. […]“.
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Satzung des Mittwochs-Clubs (V 3/1)
Einen Haken hatte die Sache allerdings: viele Vereine nahmen Frauen nicht
auf (sprich waren reine Männersache). Frauen organisierten sich zwar auch
in Frauenvereinen, diese aber verfolgten meist karitative Ziele wie z. B. der
Vaterländische Frauenverein, gegründet 1813, und viele Frauen blieben
von Bildungsmöglichkeiten, geselligen Veranstaltungen oder auch von sportlicher
Ertüchtigung lange Zeit ausgeschlossen. So entschloss sich die Museumsgesellschaft
erst nach langen Diskussionen und 11 Gutachten, „Frauenzimmer“ als
Gäste
zum Museum zuzulassen (1829). Erst Ende des 19. Jh.´s durften Frauen
in Turnvereine eintreten. Spiele wie Faustball, Fußball usw. blieben
ihnen aber weiterhin verwehrt. Auch Schwimmen war lange Zeit ein Problem. Während
die Männer abends zu ihren Vereinssitzungen aufbrachen, blieben die Frauen
zuhause, um Heim, Herd und die Kinder zu hüten. Viele Frauen hätten
dabei sicher gerne gewusst, was ihre Männer im Verein denn so trieben.
Theateraufführung
des Vereins für
naturwissenschaftliche Unterhaltung (V 14/1)
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Aus den Unterlagen diverser Vereine in unserem Haus geht einiges darüber
hervor. Als Beispiel erwähne ich hier den Verein für naturwissenschaftliche
Unterhaltung, genannt Käwwernschachtel: dieser Verein war für das
gehobene Bürgertum gedacht. Mitglieder waren Ärzte, Professoren und
Angestellte bei der Dr. Senckenbergischen Stiftung oder anderen in Frankfurt
ansässigen wissenschaftlichen Instituten. Die Mitglieder hielten aus ihrem
jeweiligen Fachbereich Vorträge, um sich gegenseitig weiterzubilden. Aber
auch die gesellige Seite kam nicht zu kurz: hohen Stellenwert hatten gemeinsame
Mahlzeiten (die opulenten Speisekarten sind im Bestand enthalten), es wurde
gesungen (nur Selbstgedichtetes), Theaterstücke entworfen und gespielt,
Kostüme gemacht… Nebenbei haben die Mitglieder eine liebevoll gestaltete
Vereinszeitung herausgebracht. Aber auch Zeichnungen oder Postkarten zu naturwissenschaftlichen
Themen zeigen das künstlerische Talent der Mitglieder. So viel Engagement
zeigt seinen Preis: 1974 löste sich der Verein mangels Mitgliedern auf.
Heutzutage verbringen die Männer eben doch lieber mehr Zeit mit der Familie
und den Vergnügungen der modernen Zeit? Nichts da, es gibt heute in Frankfurt
mehr als 7000 eingetragene Vereine…

Selbst hergestellte Dinosaurierpostkarte des Vereins (V 14/1)