Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 2

Die 68er-Bewegung: Studentenunruhen in Frankfurt

Aus der Friedensbewegung Anfang der ´60er Jahre heraus (flower power) vermehrten sich ab 1967 die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg, gegen Atomwaffen und „für die Befreiung vom modernen Imperialismus überhaupt“. *1 Führend hierbei war der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Es wurde auch gegen die Unterdrückung der Studenten in Spanien, gegen den Schah-Besuch, gegen britische Waffenlieferungen in das Bürgerkriegsland Nigeria und Notstandsgesetzgebung protestiert. 1968 kam es dabei zu immer größeren Ausschreitungen.

Am 29.02.1968 fand auf dem Römerberg eine Kundgebung gegen den Vietnamkrieg statt. Als bekannt wurde, daß Rudi Dutschke von Berlin nach Frankfurt abgeflogen war, ordnete Polizeidirektor Jordan auf Anraten von Stadtrat Kiskalt an, ihn am Flughafen festzuhalten und nach seinem Reiseziel zu befragen. Dutschke war bereits am 05.02.1968 als Anführer einer gewalttätigen Demonstration gegen das amerikanische Generalkonsulat und Handelszentrum aufgefallen, so dass erneute Krawalle befürchtet wurden. Nach zwei Stunden um 20.09 Uhr wurde er auf Anweisung von Oberbürgermeister Brundert wieder frei gelassen. Inzwischen war die Anti-Vietnam-Demonstration auf dem Römerberg ohne besondere Ereignisse beendet worden und die Demonstranten hatten bereits ihr Ziel im Arbeiterviertel Bornheim erreicht. Da informierte der SDS-Student Wetzel, der mit Rudi Dutschke am Flughafen zusammen gewesen war, die Menge und rief: „Rudi Dutschke wurde festgenommen. Wir marschieren zum Polizeipräsidium“. Spontan setzten sich rund 1.500 Demonstranten in Marsch und forderten in Sprechchören die Freilassung Dutschkes. Auf die Mitteilung „Er ist längst entlassen“ wurde mit „Lüge!“ reagiert. Kurz vor 23 Uhr traf Dutschke am Hauptbahnhof ein, hielt eine kurze Ansprache und schickte die Menge nach Hause. Das Verwaltungsstreitverfahren gegen die Stadt Frankfurt wegen rechtswidriger Verwahrung verlor Dutschke. 

Rudi Dutschke   Demonstration April 1968
Quelle: S2/6.576, rechts: Demonstration April 1968 (aus: Sammlung Weiner), Abbildung  vergrößern!

Am 11.04.1968 (Gründonnerstag) verübte der 23jährige Arbeiter Josef Bachmann ein Attentat auf Rudi Dutschke *2. Infolge dessen kam es auch in Frankfurt zu „Osterunruhen“. Das Gebäude der Societäts-Druckerei in der Mainzer Landstraße wurde blockiert, um die Auslieferung der Springer-Zeitungen (BILD-Zeitung etc.) zu verhindern. Der Springer-Presse wurde vorgeworfen, eine Hetzkampagne gegen die Studenten zu inszenieren und die Wahrheit zu verfälschen. Viele Beteiligte und Zuschauer berichteten von Übergriffen der Polizei und von übermäßiger Härte und Brutalität gegenüber Demonstranten und Passanten. 

APO-Flugblatt   Flugblatt Ostermarsch   Polizeibericht

Links: Flugblatt (aus S3/A 9.571), Abbildung  vergrößern!
Mitte: Flugblatt (aus S3/A 9.571), Abbildung  vergrößern!
Rechts: Zeugenaussagen zu Übergriffen der Polizei (aus Magistratsakten 1.063), Abbildung  vergrößern!

Im April 1969 versuchte der SDS, die Einschreibungen zum Sommersemester zu blockieren, um die nachträgliche Immatrikulation des persischen Studenten Achmed Taheri zu erreichen. Da Taheri die Anmeldefrist versäumt hatte, drohte ihm Ausweisung in seine persische Heimat. Die Polizei räumte die besetzte Universität. Der SDS, der stets nur eine kleine Minderheit vertreten hatte, löste sich 1970 auf.

Auf der Gegenseite zu den immer gewalttätigeren Aktionen radikaler Studenten gingen bei einer Wahlkundgebung der NPD am 25. Juli 1969 im Cantatesaal organisierte, ausgebildete, uniformierte und gleichmäßig ausgerüstete Schlägertrupps als sogenannte Saalordner brutal gegen Bürger vor, die gegen die NPD demonstrierten.

Zuschriften von Bürgern richteten sich einerseits gegen Polizeigewalt; andererseits war man der ständigen Unruhen leid und verlangte hartes Durchgreifen gegen Randalierer. Ende 1969 ebbten schließlich die Unruhen ab. Der radikale Kern der 68er-Bewegung fand sich in der RAF wieder.

*1 Frank Wolff an den Polizeipräsidenten betr. Anmeldung einer Demonstration.
*2 Rudi Dutschke starb am 24.12.1979 in Dänemark an einem epileptischen Anfall, den er in der Badewanne als Spätfolge des Anschlags erlitt.

© Sigrid Kämpfer

 nach oben

Instituts-Logo Startseite | Aktuelles | Abteilungen | Service | Veranstaltungen | Newsletter | Hilfe, Sitemap | Impressum  © 2000-2007 Institut für Stadtgeschichte