Vor dem Bau der Kanalisation in Frankfurt im 19. Jahrhundert waren die sanitären
Verhältnisse der Stadt und ihrer Bewohner einfach und auf traditionelle
Mittel wie Nachttopf, Eimer und Plumpsklo angewiesen. Außerhalb von Häusern
blieb nur die nächste Ecke oder der nächste Baum. Jedoch verlangte
eine zwischen 1800 und 1900 von etwas mehr als 38.000 auf knapp 289.000 Einwohner
gewachsene Stadt und auch ein zugenommenes Hygienebedürfnis ebenso wie
eine nach wie vor bestehende Choleragefahr nach einer Verbesserung der seit
Jahrhunderten unveränderten Verhältnisse. Die Wahl des Systems der
Mitte des 19. Jahrhunderts überfälligen Kanalisation bewegte sich
zwischen der Schwemmkanalisation nach dem Prinzip von William Lindley (1808-1900),
die Abwässer und Unrat ungereinigt in den Main beförderte, und dem
von Charles T. Liernur (1828-1893) entwickelten Verfahren mit Luftdruck und
Trennung von Fäkalien und Abwässern (pneumatisches Differenzierungssystem)
und einer Aufbereitung der Fäkalien zu Dünger. Zwischen 1867 und
1897 entstand in Frankfurt zunächst eine Schwemmkanalisation, doch zwangen
die zunehmende Mainverschmutzung und der Druck staatlicher Stellen zum Bau
der 1887 fertig gestellten Kläranlage Niederrad, die zugleich die erste
auf dem europäischen Kontinent war. Parallel zur Kanalisation wurde in
Frankfurt ein Wasserleitungssystem gebaut, so dass in Frankfurt 1870 die ersten
Wasserklosetts in Betrieb genommen werden konnten und sanitärtechnisch
die Neuzeit begann.
Alternative
Standorte für ein Pissoir am Schaumainkai 1880
(Magistratsakten, R 1.609 Bd.1)
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Auch wenn noch lange nicht jeder Frankfurter Haushalt mit einem Wasserklosett
ausgestattet war, war der Anschluss der Häuser an die Kanalisation eine
erste Lösung des Problems der Fäkalienentsorgung. Ein nächster
Schritt war die Aufstellung von öffentlichen Bedürfnisanstalten,
um menschliche Bedürfnisse und Nöte in geordnete Bahnen zu lenken.
Die Androhung von Geldstrafen zwischen zehn Silbergroschen und zwanzig Talern
im Jahr 1869 allein reichte hierfür nicht. Noch in freistädtischer
Zeit, im Februar 1866, beschloss der Senat die Aufstellung von Pissoirs. Drei
Jahre später folgten Verbotsschilder gegen die Verrichtung der Notdurft
im öffentlichen Raum und 1876 der Anschluss der Pissoirs an die Kanalisation
und die Installation von Wasserspülungen. Mit der Zahl der Bevölkerung
wuchs die Zahl der „zwei- und vierständigen“ Pissoirs im Stadtgebiet.
Vierständiges
Pissoir mit Kanalanschluss 1884
Ecke Taunusanlage/Taunustor
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Erst ab 1883 kamen auch Frauen in den Genuss, öffentliche Toiletten
benutzen zu dürfen, als Wasserklosetts mit Waschmöglichkeiten gebaut
wurden, über deren Reinigung und korrekte Benutzung eigens angestellte
Wartefrauen wachten, allerdings auch eine Benutzungsgebühr kassierten.
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Pläne zu einer Bedürfnisanstalt 1884 (Magistratsakten,
R 1.610 Bd.1, fol. 15-16)
Die neuen „Bedürfnis-Häuschen“ wurden vom städtischen Tiefbauamt
an Unternehmer vergeben. Unter den Bewerbern erhielt der Berliner Unternehmer
Paul Franck den Zuschlag, nachdem er der Stadt eine höhere Gewinnbeteiligung
zugesagt hatte, während die in Frankfurt ansässige und reichsweit
aktive „Fabrik für Closets, Latrinen, Tonnenanlagen, Bedürfnis-Häuschen
als Spezialitäten“ Kullmann & Lina (August Fass & Co. Nachf.),
Bockenheimer Landstraße 175, im Vergabeverfahren unterlag. Die frühen
Pissoirs und öffentlichen Toiletten waren oftmals aus Gusseisen und schöne
Erzeugnisse des in jener Zeit beliebten Eisenkunstgusses.
Nach 1900 verschwanden die öffentlichen Toiletten vielfach unter der
Erde und damit die Möglichkeiten, auch Einrichtungen für die dringende
Notdurft durch geschmackvolle Architektur eine ansprechende Gestalt zu geben.
Links: Werbefoto eines gusseisernen Bedürfnishäuschens der
Firma Kullmann & Lina 1885 vor der Galluswarte (Magistratsakten, R 1.610
Bd.1, fol. 26). Abbildung vergrößern!
Rechts: Prospekt für ein entweder rein als Pissoir oder als gemischtes Bedürfnishäuschen nutzbaren Gusseisenpavillon der Firma Kullmann & Lina 1885 (Magistratsakten , R 1.610 Bd.1, fol. 25).
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Quelle: Thomas Bauer, Im Bauch der Stadt, Kanalisation und Hygiene in Frankfurt
am Main 16.-19. Jahrhundert = Studien zur Frankfurter Geschichte, 41, Frankfurt
1998.
© Dr. Konrad Schneider