Nicht nur „Gymnastik für ältere Frauenzimmer“
Der Frauenturnverein von 1848 und die Entwicklung des Frauenturnens
in Frankfurt
Turnen hat in Frankfurt eine lange Tradition: Schon nach einem
Besuch des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahns 1815 in Frankfurt
begannen Schüler des Frankfurter Gymnasiums mit dem Turnen, das mit Unterbrechungen
und auf wechselnden Übungsplätzen bis in die 30er Jahre fortgeführt
wurde. Auch der erste Turnverein in Frankfurt wurde unter dem Namen „Clässer“ von
Schülern gegründet. An den Schulen selbst wurden erste Leibesübungen
nach dem System des Turnpädagogen Guts-Muths an der Musterschule bereits
1804 eingeführt, regelmäßigen Turnunterricht an allen Frankfurter
Schulen gab es noch lange Zeit nicht. Auch erwachsene Männer begannen
ab 1833 in der von August Ravenstein gegründeten Turngemeinde zu turnen.
Das Turnen sollte dabei nicht nur der körperlichen Ertüchtigung dienen,
sondern auch den Geist formen, Vaterlandsliebe und Wehrhaftigkeit vermitteln
und zu „echten Deutschen“ und „rechten Männern“ erziehen.
Daher blieben Schülerinnen und Frauen lange vom Turnen ausgeschlossen.
Erst in den 30er Jahren setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass auch
für Frauen Turnen durchaus förderlich für die Gesundheit sein
könnte, da Haltungsschäden, Kurzatmigkeit oder Bleichsucht aufgrund
von Bewegungsmangel weit verbreitet waren. Schließlich wollte man gesunde
Frauen, die dann auch entsprechend gesunde Kinder bekommen konnten. Moritz
Kloss, Direktor der Sächsischen Turnlehrerbildungsanstalt in Dresden und „Vater
des Mädchenturnens“, schrieb u. a.[1] : „Turnen
sollte die körperliche Gesundheit fördern, damit unsere Mädchen
nicht zu schwächlichen Hausfrauen, zu verstimmten Gattinnen und zu kränklichen
Müttern werden“. Anmut, Sanftheit, Duldsamkeit, Frömmigkeit
und Sittsamkeit waren laut Kloss die zu fördernden weiblichen Tugenden.
Keinesfalls dürfe „die
beabsichtigte leibliche Ausbildung auf Kosten der zarten Weiblichkeit ausarten,
die Zartheit der Empfindungen nicht vertauscht werden gegen ein keckes, kühnes
männliches Wesen“. Kurz: selbst die Befürworter des Frauenturnens
fürchteten eine Vermännlichung und Emanzipation der turnenden Frauen.
Gegner des Frauenturnens führten weitere Argumente ins Feld. Eines der
gewichtigsten: Turnen gefährde die Sittlichkeit. Das hatte zur Folge,
dass bis zum Beginn des 20. Jh.´s Frauen geschnürt und in langen
Kleidern turnten. Auch öffentliche Vorführungen des Frauenturnens
z. B. auf den Deutschen Turnfesten waren lange Zeit verpönt (1894 nahmen
erstmals Frauen an einem Deutschen Turnfest teil).
Frauen beim Geräteturnen um 1910. Aus dem Archiv des Frankfurter Turnvereins von 1860 (V33/73)
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Aber es gab auch Vorurteile gegen das Turnen an sich: man glaubte, dass Turnen
ein breites Kreuz, einen dicken Hals und breite Hände verursachen würde.
Schließlich meinte man, bestimmte Übungen wären für die
weibliche Gesundheit besonders schädlich, z. B. könnten Erschütterungen
die Gebärmutter schädigen. Auf einer Karikatur in der Turnerzeitung „Schnaken“ des
Frankfurter Turnvereins von 1860 aus dem Jahr 1901 sieht man die Auswirkungen
dieser Vorurteile auf das Frauenturnen: Devise war anfangs „Kopf oben, Beine
unten und geschlossen“. An den Geräten: nur Balancier- oder Stemmübungen.
Erst langsam kam etwas „Schwung“ in die Sache.
Karikatur des Frauenturnens von 1901. Aus dem Archiv des Frankfurter Turnvereins
von 1860 (V33/82)
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Da sich die Frauen damit aber nicht zufrieden geben wollten und die Übungen
erweitert wurden, kam es beim Turnen wie auch in anderen Sportarten zur Diskussion
um die Hose für die Frau. In Frankfurt wurden dabei noch relativ lang
Röcke getragen, erst kurz vor dem 1. Weltkrieg ging man zu Pluderhosen über.
Nach dem Krieg waren dann auch kurze Hosen kein Thema mehr, besonders in der
Leichtathletik.
Frauen beim Turnen (1912). Aus dem Archiv des Frankfurter Turnvereins
von 1860 (V33/87)
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Die Entwicklung des Frauenturnens in Frankfurt wurde stark von dem hiesigen
Turnvater August Ravenstein gefördert, der nicht nur 1833 als Turnverein
für Erwachsene die Turngemeinde sondern auch 1838 eine florierende Turnanstalt
gegründet hatte. Bereits im selben Jahr nahm er nicht nur Schüler,
sondern auch 6 Schülerinnen an der Turnanstalt auf. Im Sommer 1849 auf
dem Höhepunkt des Frauen- und Mädchenturnens turnten 38 Mädchen
in der Anstalt [2]. Ravenstein unternahm
regelmäßig mit den Mädchen kleinere Turnfahrten, die er genau
im Fremden- und Gedenkbuch der 1845 neu organisierten und von der Stadt geförderten
Turnanstalt festhielt.
Bericht von August Ravenstein über die erste Mädchenturnfahrt
1846 an der neuen Turnanstalt mit Zeichnung der Strecke. Aus dem Archiv des
Frankfurter Turnvereins von 1860 (V33/6)
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Ravenstein hoffte dabei, durch den Spaß der Mädchen am Turnen
und durch die erfolgreichen Ausflüge die Gegner des Mädchenturnens
zum Besseren überzeugen zu können. Die neue Turnanstalt mit der ersten
Turnhalle Frankfurts war auf kräftiges Wachstum und weitere Schüler
angewiesen, regelmäßig schrieb Ravenstein in dieser Zeit auch Berichte über
Aktivitäten der Turnanstalt für die örtliche Presse (z.B. in
der Zeitung „Didaskalia“). Im März 1849 fand außerdem erstmals ein öffentliches
Vorturnen der Mädchen statt, an die Besten wurden Preise vergeben. Aber
auch das Turnen für ältere Frauen stieß Ravenstein an. Drei
Frauen waren es, die am 1. November 1848 „endlich mit der Gymnastik für ältere
Frauenzimmer“ (Zitat Ravenstein) beginnen dürften. Bereits im Dezember
waren es laut Eintrag im Fremden- und Gedenkbuch neun Frauen.
Eintrag von August Ravenstein zum ersten Turnen der erwachsenen Frauen
1848.
Aus dem Archiv des Frankfurter Turnvereins (V33/6) Abbildung vergrößern!
Diese Frauen gründeten noch im Winter 1848/1849 den ersten Frauenturnverein
in Frankfurt und einen der ältesten in Deutschland. Sie gaben sich eine
Satzung und verpflichteten sich, zweimal wöchentlich zu turnen. Wie emanzipiert
diese Frauen waren und wie revolutionär der von ihnen gegründete
Verein, zeigt die noch im Winter 1849 vorgelegte Satzung des Vereins sehr genau.
Dort heißt es:
Frauen-Turnverein
Zweck des Vereins
§. 1. Die Zeit der Rache ist gekommen!
Im überwallenden Gefühl unserer angestammten
Kraft ergreifen wir muthig die Waffen gegen die
Erzfeinde unseres Geschlechtes. Unsere Wahlstatt
ist der Turnplatz. Dort unter Gottes freiem Himmel, im Angesicht des Tages,
entbieten wir offenen und ehrlichen Kampf der Trägheit, Verweichlichung
und Entartung der Frauenwelt. Unsere Loosung
ist: Deutsches Frauen-, Menschenthum. Unfehlbar ist der Sieg: wir wollen, wir
werden
die verscherzte Kraft der Jugend uns wiedererobern,
und mit dem Körper wird der Geist umschwingen!
Pflichten des Vereins.
§. 2. Die Mitglieder desselben verbinden sich
1) wöchentlich zweimal zu turnen, und zwar
ungeschnürt in linnener Turnkleidung.
2) Auch außer dem Turnplatz allen und jeden
körperlichen Zwang, als der freien Bewegung
hinderlich und somit der Gesundheit schädlich,
zu verwerfen und abzulegen.
3) Einfach zu werden, nämlich allen eitlen
Schmuck und Tand zu verachten und zu
Verbannen;
4) Die Fremdwörter zu meiden, und sich der
deutschen Reinsprache zu befleißigen.
[…]
In dieser Fassung wurde die Satzung in der Frauen-Zeitung der bekannten Frauenrechtlerin
Louise Otto veröffentlicht (Ausgabe Nr. 28). Im Archiv des Frankfurter
Turnvereins von 1860, in dem sich auch die Unterlagen der von Ravenstein gegründeten
Turnanstalt befinden, gibt es außerdem eine handschriftliche Satzung
mit den Unterschriften aller elf Gründerinnen und handschriftlichen Anmerkungen
von August Ravenstein. Diese Anmerkungen wurden von den Frauen für die
in der Frauen-Zeitung abgedruckte Fassung aber nicht übernommen.
Abbildung vergrößern! Abbildung vergrößern! Abbildung vergrößern!
Satzung des Frauen-Turnvereins zu Frankfurt am Main, mit Ergänzungen
von August Ravenstein. Aus dem Archiv des Frankfurter Turnvereins von 1860
(V33/2 Intus: 309a)
In einer späteren Ausgabe der Frauen-Zeitung 1849 findet sich ein Bericht
der gewählten Sprecherin über die Aktivitäten der Turnerinnen,
deren Zahl inzwischen auf 13 angewachsen war. Hier ist von einer Turnfahrt
in den Wald die Rede, dem Aufstellen eines Turnplanes für den Sommer 1849
und es werden Zusammenkünfte außerhalb des Turnplatzes geplant,
um auch „die geistigen Zwecke unseres Vereins lebendig zu machen“. Der Bericht
schließt mit dem Schwur: „Frauentreue unserem Bund in Ewigkeit!“ Weitere
Berichte des Vereins gab es in der Frauen-Zeitung nicht, die Zeitung musste
1852 ihr Erscheinen einstellen. Laut den Statistiken in den Rechenschaftsberichten
der Turnanstalt waren es im Sommer 1849 allerdings zehn Frauen, die an der
Turnanstalt turnten, bereits 1850 ist nur noch eine Frau in den Berichten verzeichnet.
Der Verein scheint eingeschlafen zu sein. Auch das Mädchenturnen nahm
stark ab, 1850 waren es noch 21 Schülerinnen.
Wie man an diesen Zahlen sieht, gab es insgesamt im Turnen (auch bei den Männern)
nach der fehlgeschlagenen Revolution 1848 einen starken Rückgang. Auch
von den öffentlichen Stellen wurde das Turnen wieder äußerst
restriktiv behandelt, sämtliche Turnvereine in Frankfurt wurden 1852 verboten
und die Turnanstalt Ravensteins fiel aus der öffentlichen Förderung
heraus. In Preußen wurde außerdem die Aufnahme von Frauen in politische
Vereine (und das waren Turnvereine damals noch) verboten. Trotzdem gab es für
Frauen ab 1854 die Möglichkeit, in dem von Ravenstein gegründeten
Institut für Heilgymnastik und Orthopädie Übungen zu machen.
Solche Einrichtungen wurden Anfang der 50er Jahre wegen des Verbots der Turnvereine
in vielen Städten eingerichtet. Aber auch das Institut wurde wenig frequentiert.
Die politische Situation hatte zur Folge, dass die Turnanstalt von Ravenstein
bis 1862 langsam einschlief. Das Turnen für Schüler und Schülerinnen
wurde verstärkt an die Schulen verlagert, die nun Turnlehrer einstellten.
1850 wurde an der Musterschule als erster Schule in Frankfurt das Mädchenturnen
für die oberen Klassen eingeführt. Es dauerte allerdings bis 1894,
bis das Mädchenturnen an höheren Mädchenschulen in Preußen
obligatorisch wurde, an allen Volksschulen geschah dies erst nach dem Ersten
Weltkrieg.
Als erster Turnverein gründete sich in Frankfurt der Turnverein Sachsenhausen
1858 neu. Als Nachfolger der Turngemeinde wurde 1860 der Frankfurter Turnverein
aus der Taufe gehoben. Eine Abteilung für die Frauen wurde aber erst wieder
1891, also mehr als 40 Jahre nach der Gründung des Frauenturnvereins,
eingeführt. Im selben Jahr begann man außerdem wieder mit dem Schülerturnen
für Jungen und Mädchen. Der Frauen-Turnverein zu Frankfurt am Main
war 1848 also seiner Zeit weit voraus …
Anmerkungen:
[1] Aus dem Aufsatz von Prof. Dr. Gertrud
Pfister „1848 und die Anfänge des Mädchen- und Frauenturnens.
In: Deutsches Turnen (1981), 1, 8-10; 2, 29-30; 3, 47-49“
[2] Aus den Rechenschaftsberichten
der Turnanstalt von August Ravenstein (V33/16)
© Claudia Schüßler