Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 4

Dokumente aus 180 Jahren Vereinsgeschichte -

Der Physikalische Verein in Frankfurt am Main

Der Physikalische Verein Frankfurt am Main, seit einem Jahr mit dem Zusatz „Gesellschaft für Wissenschaft und Bildung“ versehen, wird 180 Jahre alt. Seit 1977 ist das umfangreiche Archiv als Leihgabe des Vereins im Institut für Stadtgeschichte untergebracht und birgt zahlreiche Schätze. Durch die Vorstellung einzelner Dokumente möchte ich Aspekte aus dieser langen Geschichte herausgreifen, die heute vielleicht nicht mehr so bekannt sind. Denn wenn man heute an den Physikalischen Verein denkt, fallen als Stichworte zuerst die Begriffe Sternwarte und Astronomie. Das der Verein 8 wissenschaftliche Institute in die Goethe-Universität einbrachte, in Frankfurt für den Wetterdienst und von 1838 bis ca. 1920 für die Regulierung der Turmuhren zuständig war, seine erste Sternwarte auf dem Turm der Paulskirche hatte und auch erstmals Frankfurts genaue Position in der Welt bestimmte [1], dürfte vielen Menschen unbekannt sein. Der für die Sternwarte und Uhrenkommission zuständige Mitarbeiter Dr. Johann Balthasar Lorey führte 1852 die erste Längenbestimmung mit Hilfe eines Telegrafen (und der Berliner Sternwarte) in Deutschland durch.

Am 24.10.1824 schlossen sich einige Frankfurter Bürger, darunter der Mechaniker Johann Valentin Albert (stellte Raum und Apparate) und der Arzt Christian Ernst Neeff (1. Vorsitzender), zum Physikalischen Verein zusammen, um gemeinsam ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in den Naturwissenschaften zu erweitern und ihr Wissen über Physik, Chemie, Technik, Meteorologie oder Astronomie auch einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Daher wurden von Beginn an regelmäßige Vorlesungen durch Mitglieder des Vereins oder geladene Gäste veranstaltet. Auch heute noch führt der Verein diese Veranstaltungen durch, um eine Plattform zur Vermittlung aktueller Forschungsergebnisse aus Hochschulen und Industrie zu bieten. Für Schüler gibt es eine spezielle Vorlesungsreihe seit 1836, auch für Lehrer gab es lange Zeit Fortbildungsangebote. Der Verein fördert außerdem die naturwissenschaftliche und physikdidaktische Ausbildung an der Frankfurter Universität sowie die Amateurforschung besonders an Schulen auf den Gebieten Umweltschutz und Astronomie durch die jährliche Vergabe von vier Stiftungspreisen [2]. Astronomie nimmt heute einen breiten Raum im Tätigkeitsgebiet ein. Bereits 1838 gab es die erste Sternwarte auf dem Turm der Paulskirche, seit 1908 gibt es die heute noch existierende Sternwarte auf dem Vereinsgebäude neben dem Senckenbergmuseum. 1960 wurde sie zur Volkssternwarte ausgebaut mit einem umfangreichen Veranstaltungsprogramm. Sie ist erster Anlaufpunkt für die Frankfurter Bürger, wenn besondere astronomische Ereignisse wie Sonnenfinsternisse oder – aktuell – der Venustransit anstehen. Der Verein stellt außerdem Volkssternwarte sowie die 1998 errichtete Hans Ludwig Neumann Sternwarte auf dem Kleinen Feldberg im Taunus für wissenschaftliche Arbeiten und Ausbildungszwecke zur Verfügung und viele Mitglieder betreiben astronomische Amateurforschung. 

Brief von Landgraf Friedrich Joseph von Hessen

Brief von Landgraf Friedrich Joseph von Hessen

Abbildung  vergrößern!

Brief aus dem Archiv des Physikalischen Vereins (V 17/ 79)[3]:
In einem Schreiben vom 14. Januar 1829 des Landgrafen Friedrich Joseph von Hessen an den Physikalischen Verein nimmt er „mit Vergnügen das unermüdliche Streben des Vereins im Bereiche so wichtiger und nützlicher Beobachtungen“ zur Kenntnis und versichert ihm sein stets warmes Interesse an dessen Unternehmungen und dass ihm jeder Anlass angenehm sein würde, nützlich werden zu können…

Frankfurter Oberpostamts-Zeitung, Jg. 1826:
Erster Wetterbericht in einer Frankfurter Zeitung vom 9. Januar 1826. Das Wetter war in der Zeit vom 1. bis zum 6. Januar überwiegend heiter bei Temperaturen von – 2,3 bis + 1,1° (gemessen um 14 Uhr), Tiefsttemperatur waren – 6,5° am 3. Januar, gemessen um 8 Uhr. Angegeben wurden weiterhin Barometer- und Hydrometermessungen, Windrichtung und Wasserhöhe des Mains. Eine Vorschau gab es damals noch nicht, es wurde über das Wetter der vergangenen Woche berichtet. Im Erläuterungstext unter der Tabelle steht, dass der Verein durch diesen Service sowohl zur Meteorologie im Allgemeinen, als auch „zur Kenntniß der Witterung hiesiger Gegend“ beitragen wollte . 

Oberpostamtszeitung

Oberpostamtszeitung mit Wetterbericht

Abbildung  vergrößern!

Um dieses Ziel weiter voran zu treiben, baute der Verein mit Hilfe von freiwilligen Mitarbeitern ein regelrechtes Beobachtungsnetzwerk für die nähere Umgebung Frankfurts auf, gemessen wurde z. B. in Hersfeld, Friedberg, Aßmannshausen usw. Die Beobachtungen im Verein selbst wurden von einer Gruppe durchgeführt, die sich Meteorologisches Comité nannte. Aus dieser Abteilung wurde später das Meteorologisch-Geologische Institut, das 1910 ein noch bestehendes Observatorium auf dem kleinen Feldberg gründete und 1914 vom Verein in die Universität überführt wurde.

Außerdem tauschte man sich auch mit anderen meteorologischen Beobachtungswarten aus, so mit Essen, Kaiserslautern und Bern. Auch mit Weimar wurde Kontakt aufgenommen. Die Berichte des Physikalischen Vereins, der ja auf Anregung Goethes gegründet worden war, gingen dabei zuerst an den Rath Helbig, der sie dann an Goethe weitergab. Hierzu ist ein Brief vom 19. Februar 1827 erhalten, in dem es heißt:
„ […]; so füge ich nur noch die gehorsamste Bitte bei mich ferner mit Ihren Mittheilungen zu beehren, die ich jedes Mal Herrn Minister von Goethe vorzulegen mich beeile und sonst allenthalben nach Ihren Wünschen verfahren werde.“

Von Weimar wurden die Berichte des Physikalischen Vereins auch zur Sternwarte in Jena und zur Wartburg weitergeleitet, wo ebenfalls meteorologische Beobachtungen stattfanden. Um die verschiedenen Messungen vergleichbarer zu machen, koordinierte man mit den oben bereits erwähnten Beobachtungspartnern zwei gemeinsame Messtage (Simultanbeobachtungen), und zwar am 15. Januar (hier abgebildet der Bericht aus Kaiserslautern, aus dem Archiv des Physikalischen Vereins V 17/ 433) . 

Wetteraufzeichnungen, Kaiserslautern

Wetteraufzeichnungen aus Kaiserslautern

Abbildung  vergrößern!

und am 17. Juli 1829 (hier abgebildet die Aufzeichnungen von Pfarrer Klein aus Aßmannshausen, aus dem Archiv des Physikalischen Vereins V 17/ 433). 

Wetteraufzeichnungen, Aßmannshausen

Wetteraufzeichnungen aus Aßmannshausen

Abbildung  vergrößern!

Zwei Seiten aus dem ältesten Mitgliederverzeichnis des Physikalischen Vereins, das im Jahr 1836 begonnen und bis 1889 fortgeführt wurde (V 17/ 63). 

Mitgliederverzeichnis 1

Mitgliederverzeichnis

Abbildung  vergrößern!

Auf seiner ersten Seite zu sehen sind die Namen einiger bekannten Frankfurter Familien, u. a. de Bary, Behaghel, Bethmann oder Bolongaro. Dieses erste Verzeichnis von 1836 ist von einer Person eingetragen. Im weiteren Verlauf des Buches tragen sich die neuen Mitglieder überwiegend selbst ein, so dass sich dort zahlreiche Unterschriften bekannter Frankfurter Bürger finden, von Moritz Diesterweg, über Unternehmer wie Philipp Holzmann und Heinrich Kleyer bis zu Georg Speyer… Auf der zweiten hier abgebildeten Seite aus dem Vereinsjahr 1851-1852 hat sich der Erfinder des Telefons Philipp Reis eingetragen (10. von oben). 

Mitgliederverzeichnis 2

Mitgliederverzeichnis mit Eintrag Philipp Reis

Abbildung  vergrößern!

Ehrenmitglieder des Vereins waren berühmte Wissenschaftler wie Albert Einstein, Lord Kelvin, Max Planck, Ferdinand Braun, Paul Ehrlich, Otto Hahn, Max Born, Graf Ferdinand von Zeppelin oder Max von Laue, von dem sich Briefe im Vereinsarchiv befinden. Auch von Albert Einstein finden sich zwei Briefe aus dem Jahr 1929, in denen er sich einmal für die Ernennung bedankt und zum Zweiten für den Erhalt der Ernennungsurkunde. Hier abgebildet ist der zweite Brief aus dem Archiv des Physikalischen Vereins (V 17/ 297). 

Brief von Albert Einstein

Brief von Albert Einstein

Abbildung  vergrößern!

Urkunde des Deutschen Museums in München zur Schenkung des ersten Telegraphenapparates von Dr. Samuel Thomas von Soemmering durch den Physikalischen Verein Frankfurt am Main an das Museum vom 26.10.1905. Mit Originalunterschriften verschiedener Vorstands- und Vorstandsratsmitglieder, u. a. von Dr. Oskar von Miller und von Dr. Wilhelm Conrad Röntgen. Mit diesem Apparat führte Soemmering am 28. August 1809 seine ersten Versuche in der Akademie der Wissenschaften in München durch. Der Apparat wurde von Professor Eugen Hartmann übergeben. Aus dem Archiv des Physikalischen Vereins (V 17/ 374) 

Urkunde des Deutschen Museums München 1   Urkunde des Deutschen Museums München, 2
Urkunde des Deutschen Museums München
Abbildung links  vergrößern!   Abbildung rechts  vergrößern!

Universitätsvertrag von 1912. Aus dem Archiv des Physikalischen Vereins (V 17/ 86) 

Universitätsvertrag

Universitätsvertrag von 1912

Abbildung  vergrößern!

Briefumschlag mit Abbildung und Briefmarke zum Reis´schen Geber und Sonderstempel der Post zum 100-jährigen Jubiläum des Telefons (Philipp Reis erfand das Telefon 1861, am 26.10.1861 wurde es erstmals öffentlich vorgeführt im Hörsaal des Physikalischen Vereins ). (V 17/ 375) 

Briefumschlag mit Sonderstempel

Briefumschlag mit Sonderstempel

Abbildung  vergrößern!

Hier die erste Bilanz des 1913 in Frankfurt gegründeten internationalen Planeteninstituts zur Erforschung der Bahnen der sog. kleinen Planeten (= Asteroiden): 1915 waren schon 103 neue Planeten von den Institutsmitarbeitern gerechnet worden. Langjähriger Leiter der Einrichtung war Professor Martin Brendel, der bereits seit 1907 die neue Sternwarte des Physikalischen Vereins geleitet hatte und auch international hohes Ansehen genoss. 1939 erfolgte aus Einsparungsgründen die Verlegung des Instituts nach Heidelberg. Aus dem Archiv des Physikalischen Vereins (V 17/ 368)  

1. Bilanz des internationalen Planeteninstituts

Erste Bilanz des internationalen Planeteninstituts

Abbildung  vergrößern!

Das 1907 von dem bekannten Architekten Franz von Hoven errichtete Vereinsgebäude mit Sternwarte und – in diesem Fall -  sogar mit Himmelsbeobachtern auf der Balustrade der Sternwarte war ein beliebtes Motiv für Postkarten, von denen sich zahlreiche in unterschiedlichen Farbtönen koloriert in der Postkartensammlung des Instituts für Stadtgeschichte befinden…  

Postkarte mit Sternwarte

Postkarte mit Sternwarte

Abbildung  vergrößern!

Nachdem das Gebäude mitsamt vielen Geräten und Sammlungen des Vereins teilweise zerstört worden war, fand am 28. Oktober 1951 das Richtfest zum Wiederaufbau statt. Als Redner auf dem Bild zu sehen ist Oberbürgermeister Walter Kolb (V 17/ 69) 

Richtfest Wiederaufbau des Vereinsgebäudes

Richtfest: Wiederaufbau des Vereinsgebäudes, 1951

Abbildung  vergrößern!

Der Verein hat heute über 1.000 Mitglieder und viel vor. Ein Science-Center ist in Planung, als Kern ist der frisch erworbene Nachlass von Otto Hahn vorgesehen. Ein weiteres Ziel für die Zukunft ist die Errichtung eines Planetariums in Frankfurt.

© Claudia Schüssler

[1] Laut Dr. Lorey in: Notizen für das Observatorium auf dem Paulsturm (V17 /366) waren es 50°06'45'' Nördliche Breite (heute 50°06'43'') und 26°20'38'' geografische Länge nach Ferro (heute 8°41'09'' Länge nach Greenwich)
[2] Eine ausführlichere Beschreibung der Vereinsgeschichte und ein Tätigkeitsabriss ist auch auf der Homepage des Vereins unter www.physikalischer-verein.de/historisches.htm zu finden
[3] Die im folgenden Text angegebenen Signaturen können sich stellenweise noch ändern, da sich der Bestand momentan in Bearbeitung befindet.

 nach oben

Instituts-Logo Startseite | Aktuelles | Abteilungen | Service | Veranstaltungen | Newsletter | Hilfe, Sitemap | Impressum  © 2000-2007 Institut für Stadtgeschichte