Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 6

Aus dem Gebiet der Bagdadbahn ...

…lautet der Titel eines Fotoalbums aus dem Philipp-Holzmann-Archiv, das 2005 mit rund 200 weiteren Fotoalben aus dem in Liquidation befindlichen Unternehmen übernommen werden konnte. Die Alben dokumentieren zur Hälfte Bauvorhaben in Deutschland. Vorhanden sind beispielsweise Alben zu Projekten in Städte wie Berlin, Bremen, Bochum, Düsseldorf, Dresden, Flensburg, Frankfurt, Hamburg, Karlsruhe, Kiel, Magdeburg, Mainz, Nürnberg und Stuttgart. An Bauprojekten im Ausland sind z. B. Argentinien, Belgien, Brasilien, Chile, Frankreich, Irak, Iran (Persien), Kolumbien, Sudan, Türkei (Osmanisches Reich) und Uruguay zu nennen. Die Alben umfassen etwa einen Zeitraum zwischen 1900-1980.

Mit 177 Schwarz-Weiß-Fotografien dokumentierte die Gesellschaft für den Bau von Eisenbahnen in der Türkei das Gebiet entlang der Bagdadbahn. Die zwischen 1909 und 1912 entstandenen Fotografien zeigen Städte wie Bagdad, Basra, Mosul und Aleppo, Flüsse und Landstriche entlang der Bahnlinie, Kulturstätten wie Moscheen und Klöster, Szenen aus Arabersiedlungen, Kurdenlager, Straßenszenen und Momentaufnahmen von Menschen bei ihrer Arbeit. Eher selten sind jedoch Baustellen der Bahnarbeiten zu erkennen. Die Gebiete gehörten zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch zum Osmanischen Reich und liegen heute in den Nachfolgestaaten Türkei, Syrien und Irak. Am ausführlichsten ist die Stadt Bagdad mit Umgebung in rund 50 Fotografien dokumentiert [1].

Bagdad, Tigrisbrücke   Bagdad, Blick vom nördlichen Tor   Bagdad, Blick nach Osten
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Die Stadt Bagdad wurde 762 am Westufer des Tigris als Medinet as-Salaam „Stadt des Friedens“ gegründet. Sie hatte Ende des 19. Jahrhunderts als Handelsstadt zwischen Europa und Indien Bedeutung und war Umschlagplatz für europäische, arabische, indische und persische Erzeugnisse. Bagdad führte selbst Datteln, Wolle und Pferde aus und hatte einschließlich der Vororte um 1908 rund 145.000 Einwohner [2]. 1932 wurde Bagdad Hauptstadt des Iraks.

Militärische Übung bei Bagdad   Fuhrwerke für Personentransport   Nach der Dattelernte   Beduine bei Bagdad
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Seit 1896 bestand zwischen Konstantinopel bis Konya auf einer Strecke von rund 1020 km die Eisenbahnverbindung der Anatolischen Eisenbahn, die bis Bagdad fortgesetzt werden sollte. Der Weiterführung der so genannten Bagdadbahn gingen langwierige Verhandlungen über ihre Finanzierung voraus bis die Verträge schließlich am Heiligabend 1899 unterzeichnet werden konnten. Die Deutsche Bank hatte als Konzessionärin bereits für die Anatolische Eisenbahn das ihr nahe stehende Bauunternehmen Philipp Holzmann & Cie. am Bau beteiligt, das sich zu diesem Zeitpunkt zu einem internationalen Bauunternehmen zu entwickeln begann. Auch der Weiterbau der Strecke wurde von Philipp Holzmann & Cie. übernommen. Der Streckenverlauf sollte über rund 1650 km von Konya über Adana, Mosul, Samarra bis nach Bagdad gehen. Auch eine Erweiterung bis Basra am Persischen Golf war geplant.

Büro der Bagdadbahn
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Erst 1903 konnte mit dem Bau begonnen werden. 1904 hatte man den ersten Abschnitt beendet. Dann ruhten die Arbeiten wieder für einige Jahre, bis 1909 mit der Gründung der Gesellschaft für den Bau von Eisenbahnen in der Türkei die Arbeiten wieder aufgenommen werden konnten. Vorsitzender im geschäftsführenden Direktorium dieser Gesellschaft war für die Firma Philipp Holzmann & Cie. Otto Riese, der die Bauleitung für die Bagdadbahn innehatte. Otto Riese war vor seinem Wechsel zu Philipp Holzmann 1900 auch Stadtbaurat und Magistratsmitglied in städtischen Diensten gewesen [3].

Streckenbereisung   Arabischer Scheich   Derwischkloster   Araberdorf
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Nach dem Ersten Weltkrieg war die politische Situation völlig verändert. Das Osmanische Reich war in Auflösung begriffen. 1923 wurde die Republik Türkei ausgerufen. Eine deutsche Beteiligung am Bahnbau gab es dann nicht mehr und die Bahnstrecke nach Bagdad blieb zunächst unvollendet. Die Nachfolgestaaten Irak und Syrien einigten sich erst 1939, um die letzten Bahnkilometer zu schließen. Im Juli 1940 war dann die lang projektierte Verbindung auf dem Landweg zwischen Europa mit dem Nahen Osten bis zum Persischen Golf vollendet [4].

© Syvia Goldhammer

Anmerkungen:
[1] ISG Frankfurt, W1/2 Philipp Holzmann AG: Nr. 475.
[2] Brockhaus’ Konversations-Lexikon, Band 2. 14., neubearb. Auflage, Leipzig 1908.
[3] Koch, Fritz: Riese, Otto in: Frankfurter Biographie, Bd. 2. Hg. Wolfgang Klötzer, Bearb. Reinhard Frost und Sabine Hock. Frankfurt 1996, S. 197.
[4] Pohl, Manfred: Philipp Holzmann. Geschichte eines Bauunternehmens 1849-1999. München 1999, S. 99-104. Eine ausführliche Darstellung zum Bau der Bagdadbahn bei Pohl, Manfred und Angelika Raab-Rebentisch (Mitarb.): Von Stambul nach Bagdad. Die Geschichte einer berühmten Eisenbahn. München 1999.

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