Lord Stanhope 1825-1840 lautet der Titel einer Akte aus dem Familienarchiv Bethmann. Darin befindet sich ein Vorgang über Philip Henry Earl of Stanhope, der 1825 mit einem Schriftwechsel mit dem Staatsrat Simon Moritz von Bethmann beginnt und nach einem Rechtsstreit mit den Erben Bethmanns 1840 endet. Wer war dieser Earl of Stanhope?
Philipp Henry Earl of Stanhope (1781-1855) stammte aus Chevening in Kent. 1801 floh er wegen eines Konflikts mit dem Vater nach Deutschland, studierte kurze Zeit in Erlangen, kehrte jedoch bald in die Heimat zurück. Sein Stiefonkel, Premierminister William Pitt d. J., nahm sich seiner Ausbildung an. Weniger für Tätigkeiten in der Öffentlichkeit geeignet, entwickelte sich sein beruflicher Werdegang in die eines politischen Agenten. Englands Interesse richtete sich gegen das Napoleonische Frankreich. Stanhopes Reisen führten ihn vorwiegend nach Süddeutschland, insbesondere Baden, und Österreich. Dabei kam er immer wieder über Frankfurt, wo er Kontakte mit Mitgliedern der Bundesversammlung oder führenden Frankfurter Persönlichkeiten wie z. B. dem Staatsrat Simon Moritz von Bethmann pflegte. Seine politischen Aktivitäten haben kaum Spuren hinterlassen. Jedoch war er in eine Affäre verwickelt, die das ganze 19.Jahrhundert bewegte und über die unzählige Veröffentlichungen erschienen sind: Die Kaspar-Hauser-Affäre. Das mysteriöse Auftauchen Kaspar Hausers 1828 in Nürnberg, seine ungeklärte Herkunft und sein gewaltsamer Tod 1833 bewegte noch Jahrzehnte danach die Öffentlichkeit: „Über keine Persönlichkeit unseres Jahrhunderts, außer über Goethe und Napoleon I., ist so viel gesprochen, geschrieben und gedruckt worden, wie über Caspar Hauser.“, schrieb später die Neue Freie Presse in ihrer Ausgabe vom 21.01.1872.

Philip Henry 4. Earl of Stanhope, um 1825,
Bildquelle: Markgrafenmuseum Ansbach, Kaspar-Hauser-Abteilung
Stanhope trat zunächst als Förderer Kaspar Hausers auf, ließ sich 1831 zum Pflegvater ernennen, half großzügig mit finanziellen Mitteln, kümmerte sich um den Findling, versprach ihm, ihn mit nach England zu nehmen, um sich dann aber wenige Tag nach dessen Ermordung im Dezember 1833 als sein Gegner zu exponieren, indem er Hauser als Betrüger und Selbstmörder bezeichnete.
Nicht die Kaspar-Hauser-Affäre ist jedoch Thema der Bethmannschen Akte, sondern eine persönliche Affäre des Lords Stanhope, bei dem ihm Simon Moritz von Bethmann als diskreter Vermittler half.
Es sind acht Briefe aus den Jahren 1825, 1829, 1838 und 1840, überwiegend in Abschriften, erhalten. Vier private, an Bethmann gerichtete Briefe aus dem Jahr 1825 zeigen eine bislang unbekannte Facette seines Umfeldes. Diese Briefe ließ er sich 1838 wegen ihres kompromittierenden Inhalts von den Gebrüder Bethmann zurückgeben, die sich zuvor jedoch eine Abschrift gemacht hatten. Die anderen Briefe sind von geringerer Bedeutung, da es sich um einfache Mitteilungsschreiben handelt. Während er sich in zwei Briefen für die Tochter eines deutschen Buchhändlers in London verwendete, die mit ihrer Herrschaft in Schwierigkeiten geraten war, hatte er in zwei weiteren Briefen ein größeres privates Problem, das er Bethmann als seinem „Beichtvater“, wie er ihn in einem der Briefe nannte, darlegte.
Im Jahre 1822 lernte Stanhope auf einer seiner zahlreichen Deutschlandreisen eine Dame namens Susanna Elisabeth Schüttler kennen, die von einem Herrn ausgehalten, aber auch misshandelt wurde. Er unterstützte sie finanziell mit der Absicht, dass sich die Dame auf eigenen Wunsch als Putzmacherin selbständig machen könnte. Es blieb nicht aus, dass sie auch seine Mätresse wurde. Die Schüttler lebte verschwenderisch, brachte Stanhope durch ihre Schulden in Schwierigkeiten und verärgerte ihn durch ihre launische Art. Aus der geplanten Selbstständigkeit wurde nichts. Er beendete das Verhältnis und wollte seine Briefe, die er ihr geschrieben hatte, zurück haben. Susanna Schüttler erpresste ihn daraufhin. Stanhope gewährte ihr eine jährliche Pension mit der Bedingung, dass die Briefe nicht an die Öffentlichkeit geraten sollten.
Die Zahlungen sollten über einen Vermittler, Simon Moritz von Bethmann, laufen, was 1826 vertraglich vereinbart wurde. 1833 kam es dann zu einem Rechtsstreit zwischen Susanna Schüttler und den Erben des Simon Moritz von Bethmann, der noch 1826 verstorben war, da der Lord aufgehört hatte Geld anzuweisen. Der ursprünglich mit dem Privatmann Bethmann geschlossene Vertrag, verquickte sich nun mit dem Bankhaus. 1835 folgte ein zweiter Prozess. Lord Stanhope berief sich auf Vertragsbruch, da einer seiner Briefe weitergegeben worden sei. Susanna Schüttler widersprach dieser Behauptung und berief sich auf ihre finanzielle Notlage. Dazwischen standen die Erben Bethmanns und das Bankhaus, welche mit der Angelegenheit eigentlich nichts zu tun hatten und haben wollten. Karl Friedrich Pfeffel, ein Teilhaber des Bankhauses, schrieb 1839 verärgert, dass sich Lord Stanhope „in dieser Angelegenheit wahrlich sehr ungentlemanlike benimmt“ und ihm „… dünkt, der Herr Lord und Peer hätte Motive genug, es nicht bis zur Oeffentlichkeit kommen zu lassen,...“. Letztendlich gelang 1840 eine Einigung – Susanna Schüttler war mittlerweile verstorben - ihr Vertragsnachfolger erhielt die noch ausstehende Summe und verzichtete auf weitere Forderungen.
Hiermit endet eine Geschichte, die aus der Yellow Press sein könnte. Abschließend sei noch erwähnt, dass die Kaspar-Hauser-Affäre auch im Hause Bethmann verfolgt wurde. Das zeigt ein Band aus der Mitte des 19. Jahrhunderts von Moritz von Bethmann (1811-77 ) angelegten über 300 Bände umfassenden Zeitgeschichtlichen Sammlung. Der Band enthält Druckschriften und Zeitungsausschnitte zur Kaspar-Hauser-Affäre aus den Jahren 1859, 1872-76. Er dokumentiert einen kurzen Ausschnitt der heftig geführten Debatte zwischen Hauserianern und Antihauserianern über die Frage, ob Hauser ein Betrüger oder doch ein badischer Prinz sei. Die These, dass Kaspar Hauser der mit einem sterbenden Kind ausgetauschte Sohn des Großherzogs Karl von Baden sein könnte, vertrat auch Paul Johann Anselm von Feuerbach. Dieser war ab 1817 Präsident des Appellationsgerichts Ansbach und Vormund Kaspar Hausers. Feuerbach starb 1833 auf einer Reise nach Frankfurt, während der er auch in der Angelegenheit Kaspar Hauser unterwegs war.
© Sylvia Goldhammer
Quellen:
1. Mayer, Johannes: Philip Henry Lord Stanhope. Der Gegenspieler Kaspar Hausers, Stuttgart 2006.
2. Institut für Stadtgeschichte, Bethmann-Archiv II/13 und ZGS 353.