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In den Tagen des Mai und Juni 1907, also vor 100 Jahren, war ganz Frankfurt in heller Aufregung.
Was da für so viel Aufsehen sorgte war die Verpflanzung eines damals schon etwa dreihundertjährigen Eibenbaumes von seinem alten Standort an sein neues Domizil, etwa 3,5 km entfernt. Ähnliche Verpflanzungen anderswo konnten zwar als Vorbild dienen, doch war noch nie ein Baum dieses Alters und dieser Dimensionen über diese Entfernung versetzt worden.

Neuer und alter Standort der Eibe
Der Arzt Johann Christian Senckenberg, dessen 300. Geburtstag die Stadt Frankfurt dieses Jahr begeht, hatte noch zu Lebzeiten sein Vermögen in eine Stiftung eingebracht, aus der noch heute bestehende bedeutende Einrichtungen hervor gingen. Ursprünglicher Kern der Stiftung waren ein Hospital mit dazu gehöriger Anatomie und botanischem Garten, die Senckenberg in einem von ihm erworbenen Areal am Rande der nördlichen Innenstadt, am Eschenheimer Turm, errichten ließ. Auf dem Stiftungsgelände entstanden nach seinem Tod noch die Bibliothek, das Museum und das Gebäude einer naturwissenschaftlich arbeitenden Vereinigung. Auf dem Gartenareal, das Senckenberg 1766 erworben hatte, wuchs damals schon eine Eibe, von der es hieß, sie sei vor dem 30-jährigen Krieg gepflanzt worden. Der Verkauf des Stiftungsgeländes 1907 zerstreute die Einrichtungen der Stiftung, die über die Stadt verteilt neue Gebäude errichten ließ. Erhalten werden sollten nach dem Willen der Stiftungsadministratoren das Grabmal Senckenbergs und jene alte Eibe, die ihren Standort im neuen botanischen Garten am Palmengarten finden sollte.
Das Alter des Baumes und das Fehlen der heute üblichen Hilfsmittel erzwangen umfangreiche Vorarbeiten. Schon drei Jahre vor der eigentlichen Aktion wurden Gräben rings um die Eibe gezogen. Nach dem Kappen der überstehenden Wurzeln wurden sie wieder verfüllt. Ein englischer Spezialist für die Verpflanzung alter Bäume hatte geraten, die Hauptwurzeln in einer bestimmten Länge abzuschneiden und die Ausbildung neuer Wurzeln an den Stümpfen abzuwarten.
Um keine Stiftungsgelder für den Umzug angreifen zu müssen, bat die Administration der Senckenbergischen Stiftung in einem Aufruf die Bevölkerung um finanzielle Unterstützung. Die Stadtverordnetenversammlung sicherte ebenfalls einen Beitrag zu.
Als erster Tag des Umzugs war der 22. Mai 1907 festgelegt worden. Schon Ende April begannen die Vorarbeiten., die bis zum 17. Mai dauerten.
4,50 m im Quadrat und zwei Meter in der Tiefe umfasste der Wurzelballen, der gehoben werden sollte. Die technische Abwicklung von Hebung und Transport des Gewichts von geschätzten 900 Zentnern übernahm die Baufirma Philipp Holzmann. Um den Erdwürfel gelegte Bohlenwände sicherten die Seiten. Bohlen gleicher Beschaffenheit unter den Erdwürfel getrieben, schlossen ihn nach unten ab.
Unter den so entstandenen Kasten schob man starke Balken, die an den hervorstehenden Enden von Stockwinden unterfangen wurden. Um die Balkenhöhe angehoben, konnten drei weitere Balken im rechten Winkel unterlegt werden, die dann wieder mit den Winden angehoben wurden. Das Verfahren wurde so lange betrieben bis der Wurzelballen Bodenniveau erreicht hatte. Dann begann die Bewegung in der Horizontalen, die einigen logistischen Aufwand erforderte.

Postkarte zum Eibentransport
Die Polizei sicherte den Transport, für den ganze Straßenzüge gesperrt werden mussten. Um die Belastungen gering zu halten, ging der Umzug möglichst nachts vonstatten. Zwei Dampfwalzen manövrierten den Baum, unter dessen Wurzelkasten man zylindrische Holzrollen jeweils von hinten aufnehmend vorne wieder unterlegte. Eine den Hölzern unterlegte Bahn von Bohlen ließen sie leichter rollen und glichen Unebenheiten im Pflaster und bei der Querung von Straßenbahnschienen aus. An diesen Stellen waren auch die Oberleitungen zu entfernen, maß der Baum doch stattliche 12 Meter in der Höhe. An Engstellen wurden mittels langer Seile die ausladenden Zweige zur Seite gezogen. Mit diesem Verfahren war kein Rekordtempo zu erzielen. Es dauerte folglich mehrere Wochen, bis die Eibe an ihrem Bestimmungsort angelangt war.

Die Eibe am Eschenheimer Turm, Blick auf Senckenbergbibliothek (links)
und in der Hochstraße mit Blick auf Eschenheimer Turm (rechts)
Der Umzug bot den Frankfurter Zeitungen Gelegenheit ihre Leserschaft mit täglichen Berichten auf dem Laufenden zu haltenden. Die zurückgelegte Entfernung und unterwegs auftretende Schwierigkeiten waren immer eine Notiz wert. Auf einmal war die Eibe, die vorher ein eher unbeachtetes Dasein gefristet hatte, in aller Munde. Die Bevölkerung pilgerte in hellen Scharen zum Ort des Geschehens, säumte die Straßen, belegte Fenster und Balkone. Der Transport war Gespräch in den Familien, am Stammtisch, regte zu Zuschriften an Zeitungen und zur Produktion von mehr oder weniger gelungenen Sinnsprüchen und Knittelversen an. „Bunte Papierbänder, wie sie sonst nur zu Karnevalszeiten durch die Luft flattern, haben sich an die Zweige geheftet als Zeichen der gehobenen Gefühle, mit den die Bevölkerung das merkwürdige Schauspiel verfolgt“, notierte die Kleine Presse am 2. Juni. Niemand, der nicht meinte, in allen Einzelheiten über die Gattung Eibe Bescheid zu wissen. Wer nicht selbst fotografierte, für den hielten Postkarten das Ereignis fest, das allgemein als historisch angesehen wurde. Die Andenkenindustrie reagierte umgehend mit der Produktion von Ansichtskarten, die noch während des Umzugs von zahlreichen fliegenden Händlern angeboten und in Annoncen angepriesen wurden.

Die Eibe hat den Opernplatz erreicht
Am 25. Juni, einem Dienstag, war die Eibe abends am vorgesehenen Ort im neuen Botanischen Garten eingepflanzt. Für das Eingraben wählte man das umgekehrte Verfahren wie beim Ausheben.
Insgesamt hatte der Baum den Transport trotz seines ramponierten Erscheinungsbildes gut überstanden. Nicht nur der Umzug selbst, auch die Souvenirfledderei der Frankfurter hatten ihm zugesetzt. Das eher kühle und feuchte Wetter der vergangenen Tage hatte sich aber günstig ausgewirkt. Beim Entfernen der Transporthüllen zeigten sich zahlreiche neue Saugwurzeln am Wurzelballen, auch die diesjährigen neuen Triebe gaben Anlass zur Hoffnung, zumal auch dafür gesorgt war, dass der Baum in die gleiche Himmelsrichtung wuchs wie an seiner alten Stelle.
Auch wenn Ende der dreißiger Jahre Zeitungsartikel das bevorstehende baldige Ende des Veteranen prophezeiten, Bomben ihn in Mitleidenschaft zogen und nach dem Krieg Baumchirurgen immer mal wieder Fäulnis und Pilzeinwirkungen behandeln mussten, steht er noch heute an eher versteckter Stelle im Palmengarten. Im Palmengarten?
Genau, im Palmengarten. In diesen war 1960 das Areal im Botanischen Garten einbezogen worden.
© Klaus Rheinfurth