Wie bewahrt man Tradition? Juwelier Hessenberg & Co. am Goetheplatz 11
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1952 übernahm der 27jährige Heinz Hermann Roos in sechster Generation die Geschäftsführung des Juweliergeschäfts Hessenberg & Co., dessen über 230jährige Firmengeschichte 1768 mit Carl Hessenberg begann. Die Unternehmensgeschichte nach 1945 wurde im Wesentlichen durch Roos geprägt, der den Betrieb fast 50 Jahre führte, bis er ihn im Jahr 2000 verkaufte.
Namen wie die der Familien Goethe, Willemer, Brentano, La Roche und Bismarck schmückten die Kundenbücher. Hessenberg & Co. war u. a. Hoflieferant im Hause Hohenzollern, beim Großherzog von Baden, dem König von Württemberg, im englischen und griechischen Königshaus. Die florierende Firma richtete 1890 eine Filiale in Bad Homburg ein, wo sich wohlhabende Kurgäste in der Taunusluft erholten. Die Wirren des Ersten Weltkriegs überstand der Familienbetrieb und von der wirtschaftlichen Depression erholte er sich, auch wenn man 1932 in ein kleineres Ladenlokal in der Kaiserstraße 12 umziehen musste.

Kaiserstraße 12, 1932
Dagegen führte der Zweite Weltkrieg zu einem tiefgreifenden Einschnitt, da das Haus Kaiserstraße 12 während eines Luftangriffs 1944 völlig zerstört wurde. 1949 eröffnete Hessenberg & Co. ein neues Geschäftsdomizil am Goetheplatz 11.
Der kleine Betrieb eines Geschäfts mit Luxuswaren bekam unmittelbar die Auswirkungen der wirtschaftlichen Situation der Nachkriegszeit zu spüren. Die Zeiten, in denen ein siamesischer König Chulalongkorn 1907 während seines Badeaufenthaltes in Bad Homburg die dortige Filiale leer kaufte, waren vorbei. Der Krieg hatte eine gewisse Nivellierung zwischen Arm und Reich gebracht. Die Konsumbedürfnisse richteten sich zunächst auf Massengüter wie das Auto und den Fernseher. So waren die 1950er Jahre geprägt durch die mühsame Geschäftsetablierung und dem Kampf gegen Verluste. Der Umsatz mit Silberwaren ging zurück, da Haushalts- und Uhrengeschäfte zur billigeren Konkurrenz geworden waren und der moderne Mensch kein Silber mehr putzen wollte. Daher wurde mit Ausnahme von Einzelstücken die Herstellung von Silberwaren eingestellt. Juwelen ließen sich schwer verkaufen und Umsätze wurden vor allen mit Reparaturen und Provisionseinnahmen gemacht, die sich aus dem Verkauf von privatem Schmuck ergaben. Der junge Firmeninhaber, der gerade seine fachliche und kaufmännische Ausbildung abgeschlossen hatte, versuchte nun mit einer gezielten Kundenorientierung, den Betrieb wieder zum Leben zu erwecken.

Goetheplatz 11, 1960
Mit einer modernen Schaufenstergestaltung, die mehr Ausstellungsfläche vorsah, Werbung und Exklusivangeboten machte er Kunden auf sich aufmerksam. So führte Hessenberg & Co. als erster Juwelier Frankfurts um 1960 den bei jungen Leuten beliebten finnischen Lapponia-Schmuck ein. Werbung und öffentlichkeitswirksame Aktionen wurden wichtige Instrumente, einen sensibel, auf konjunkturelle Schwankungen reagierenden Einzelhandelsbetrieb für Luxuswaren aufrecht zu erhalten. Die nahezu jährlich wechselnden Gewinn- und Verlustphasen wurden im Wesentlichen durch das Weihnachtsgeschäft bestimmt. 1965 hatte man das beste Weihnachtsgeschäft seit der Währungsreform gemacht. Als Gründe gab Roos in seinem Geschäftsbericht die Schaufenstergestaltung, die Verkehrslage, solides Geschäftsgebahren und den Kundendienst mit eigener Werkstatt an. Der Modernisierung des Geschäfts und der Schaufenstergestaltung wurde ein so hoher Stellenwert eingeräumt, dass ein- bis zweimal in einem Jahrzehnt das Geschäftslokal umgebaut wurde. Ziel war mehr Ausstellungsfläche zu gewinnen oder das Kernstück des Geschäfts, die Goldschmiedewerkstatt, zu vergrößern. Roos legte Wert auf Exklusivität, die Herstellung eigenen Schmucks und das individuelle Eingehen auf Kundenwünsche. Unverkäufliche Schmuckstücke konnte man umarbeiten. Ein Angebot, dass man auch an Kunden für alten, unmodern gewordenen Familienschmuck machte.
Das Geschäft lag wenige Meter vom Beginn der Goethestraße und in der Nähe eines Fußgängerüberwegs, so dass man durch eine attraktive Schaufenstergestaltung Laufkundschaft anziehen konnte. Wie sehr jedoch der Zufall die Ströme der Kunden manchmal lenkt, zeigte sich, als während des U-Bahn-Baus Mitte der 1960er Jahre die Straßenbahn von der Hauptwache nach dem Goetheplatz verlegt wurde und mehr Kunden für eine Umsatzsteigerung sorgten.

Goetheplatz 11, um 1980
Hessenberg & Co. beteiligte sich an der Wiedereinführung des Edelmetalls Platin als Schmuckmetall und konnte sich als einziges Juweliergeschäft in Frankfurt als Platinstudio bezeichnen.
In seinen Werbeaktionen wies Roos immer wieder auf die lange Tradition des Frankfurter Betriebs und seine Nähe zur Stadtgeschichte hin. 1966 konnte man zu Weihnachten bei Hessenberg eine Neuprägung des Kontributionsdukatens von 1796 erwerben. 1968, als in Frankfurt die Studenten gegen den Muff von 1000 Jahren unter den Talaren demonstrierten, in das Rektorat der Universität einbrachen und die Amtskette des Präsidenten stahlen, konnte die Firma das 200jährige Firmenjubiläum feiern. Roos überreichte dem damaligen Oberbürgermeister Willi Brundert einen fünflichtigen Silberleuchter für das Ratssilber. Im gleichen Jahr machte er in einer Ausstellung in der Frankfurter Sparkasse auf sich aufmerksam, in der von Hessenberg hergestellte Silberwaren wie Tafelgeschirr, Kannen, Schalen und Bestecke gezeigt wurden. Als Roos im Jahre 1982 den damaligen Präsidenten der Universität Prof. Hartwig Kelm kennen lernte und von dem Verlust der Amtskette erfuhr, stiftete er 1983 eine neue. 1993 wurde mit einer Kabinettausstellung im Museum für Kunsthandwerk das 225jährige Firmenjubiläum als Auftakt zur 1200-Jahrfeier Frankfurts 1994 gefeiert.

Die Amtskette des Universitätspräsidenten, 1983

Heinz Roos, Eröffnung der Ausstellung 225 Jahre Hessenberg & Co. im Museum für Kunsthandwerk, November 1993
Neben dem unabdingbaren handwerklichen Können und einem schöpferischen Ideenreichtum war die Werbung ein ausschlaggebender Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg der Firma. Die Werbeaufwendungen waren bei Hessenberg & Co. entsprechend hoch. Anfang der 1980er Jahre waren sie doppelt so hoch wie im deutschen Branchendurchschnitt. Demgegenüber stand jedoch auch eine elffache Umsatzsteigerungsrate. Dennoch endete die Firmentradition mangels eines Nachfolgers. Die Firma namens Hessenberg existiert noch am gleichen Ort, jedoch nicht mehr in der Tradition des Familienbetriebs.
Quellen:
- 1. Roos, Gerhard: 200 Jahre Juweliere Hessenberg in Frankfurt am Main. 1768-1968, Frankfurt 1968.
- 2. ISG, Hessenberg und Co., W1/41: 35, 40, 47, 55f, 66f; Jahresberichte ab 1949.
© Sylvia Goldhammer