Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 10

1968 - Die Revolte im Bild
Fotos zu den Studentenunruhen in Frankfurt online recherchierbar

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Fünf Minuten Verkehrsruhe für Vietnam
Fünf Minuten Verkehrsruhe für Vietnam

Paris, Berlin und Frankfurt waren Mittelpunkte der Studentenrevolte. Mit ihren Flugblättern, Plakaten, Zeitschriften und Bildern hat sie sich auch in den Beständen des Instituts für Stadtgeschichte niedergeschlagen.

Für Aufnahmen der Pressefotografen Kurt Weiner, Klaus-Meier Ude und Hans Rempfer konnte das Institut kürzlich auch die Nutzungsrechte erwerben. Zusammen mit den 4.200 Zeitbilder der sechziger Jahre wurden auch die Fotos zu den Studentenunruhen in den vergangenen Monaten von Thomas Brumm revidiert und digitalisiert.

Die Motive decken viele Aspekte der Revolte ab, beginnend mit dem Jahr 1967, als die Studentenbewegung der sechziger Jahre zur außerparlamentarischen Opposition wurde. Die Bewegung wandte sich gegen Faschismus und Krieg und war Teil des von den USA ausgehenden „international students movement“, das sich - nach eigenem Selbstverständnis - emanzipatorisch und antiautoritär gegen jede Herrschaft von Menschen über Menschen wandte.

Die Vorboten waren hierzulande schon lange zu spüren gewesen, auch in Frankfurt – einer Kommune, die im Krieg stark gelitten hatte und deren Behörden im Zuge eines Umbaus zur „amerikanischsten Stadt Deutschlands“ die gänzliche Beseitigung des alten Stadtbildes gefördert hatten. Vielen Menschen war damit das Heimatgefühl genommen; sie fanden sich 1960 vor den Fernsehern wieder, als der Hessische Rundfunk mit der Ausstrahlung seiner volkstümlichen Serie „Die Familie Hesselbach“ begann.

Zur gleichen Zeit breitete sich in ganz anderen Kreisen eine sozialkritische Bewegung aus, vorangetrieben unter anderem vom Frankfurter Suhrkamp-Verlag, von der Ideologiekritik der „Frankfurter Schule“ (Horkheimer, Adorno) sowie von den städtischen Bühnen, die vermehrt Stücke zeitgenössischer Autoren (Sartre, Brecht) auf die Bühne brachten. Im Mittelpunkt stand der einzelne in einer unübersichtlichen Welt; Sinn war etwas, das erst durch Gestaltung des eigenen Lebens oder der Gesellschaft geschaffen wird.

Die Gegenstimmen konservativer Kreise, denen Nation, Religion und Tradition wichtiger waren als der moderne Individualismus, wurden leiser, als in einer Reihe von Gerichtsverfahren die Beteiligung der Eliten am Dritten Reich offenbar wurde. Mit dem Auschwitz-Prozess, der 1963 in Frankfurt begann, entwickelten viele junge Leute eine generelle Skepsis gegenüber der für den Nationalsozialismus verantwortlichen Generation ihrer Väter, deren Autorität auf allen Gebieten in Frage gestellt wurde.

Bei steigenden Studentenzahlen war die Bewegung vor allem eine Sache der akademischen Jugend, deren Angst wuchs, angesichts des Kalten Krieges keinen Einfluss auf die Politik zu haben; die vielen Mahnwachen gegen Wiederbewaffnung sowie gegen Atomversuche in Ost und West waren schon 1960 zu den alljährlichen Ostermärschen gebündelt worden, deren Teilnehmerzahl ständig stieg. Der Blick ging überall dorthin, wo man das Selbstbestimmungsrecht von Menschen und Völkern verletzt sah: so etwa in der Politik der Rassentrennung in Südafrika oder in der Diktatur des Schahs im Iran, der von den Vereinigten Staaten unterstützt wurde.

Am 8. März 1965 marschierten US-Truppen in Südvietnam ein. Aus Protest wurde nun Konfrontation und auch in Frankfurt kam es zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei. Die Proteste galten aber auch den Notstandsgesetzen; diese waren eine Bedingung der Westmächte vor Übergabe der Souveränität, da das Grundgesetz bewusst auf Regelungen für Krisensituationen verzichtet hatte. Mit Bildung der großen Koalition aus CDU und SPD 1966 sah man die Verabschiedung näher kommen und mit ihr wuchs die Sorge vor einer neuen Diktatur.

Während einer Demonstration im April 1968
... während einer Demonstration im April 1968

Im folgenden Jahr beschleunigten sich die Ereignisse: Am 13. Januar 1967 berichtete der Präsident des Weltkirchenrates, Pastor Martin Niemöller, auf dem Frankfurter Flughafen von den erschütternden Zuständen in Vietnam. Vier Wochen später, am 11. Februar, zogen nach einer Kundgebung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) rund 150 Teilnehmer unangemeldet zum amerikanischen Konsulat in der Siesmeyerstraße, wo sie von einer Reiterstaffel auseinander getrieben wurden: „Provo-demonstrationen sind ein Mensch-ärgere-die-Polizei-Spiel … Wir laufen vom Opernplatz zum amerikanischen Konsulat.“

Am 2. Juni wurde in Berlin während einer Demonstration der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten erschossen. Beteiligten sich bis dahin höchstens 500 Personen an Protestveranstaltungen, so zogen am 8. Juni 5000 in einem Schweigemarsch durch die Frankfurter Innenstadt. Drei Wochen später brachte der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) 2000 Studierende zu einer Kundgebung gegen die Notstandgesetze auf die Beine.

Nun erkannten auch die Berliner Studentenführer das Potential Frankfurts: Am 7. Juli nahm Rudi Dutschke an den hochschulpolitischen Tagen des Frankfurter AStA teil und auch zur SDS-Konferenz Anfang September reist er an. Zusammen mit dem Kommunarden Fritz Teufel und 300 Gefährten stürmte Dutschke am 6. September eine Vietnam-Diskussion im Amerikahaus in der Staufenstraße und entrollte die Fahne der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“ (Vietcong).

SDS sprengt Veranstaltung im Amerikahaus
SDS sprengt Veranstaltung im Amerikahaus

An der Universität wurden die neuen Aktionsformen „Go-in“ „Teach-in“ und „Sit-in“ weiter erprobt: während einer Vorlesung des Politologen Carlo Schmid stürmten Anhänger des SDS das Pult und versuchten, eine Diskussion über die Notstandsgesetze zu erzwingen. Rektor Walter Rüegg verurteilte die Störungen des Lehrbetriebs und suspendierte den SDS. Am 27. November fanden sich vor dem Rektorat 1000 Studenten zu einem Teach-in zusammen; Themen waren der Freispruch für den Polizisten, der Benno Ohnesorg erschossen hatte, und das vorläufige Verbot des SDS.

Mit einem weiteren Teach-in im großen Hörsaal VI, auf dem der Entwurf einer neuen Universitätssatzung beraten wird, geht das turbulente Jahr am 19. Dezember zu Ende. SDS und AStA war es gelungen, eine Atmosphäre der permanenten Agitation zu erzeugen. Der „Frankfurter Bürger“, ein Organ der Bezirksvereine, warf den Studenten zum Jahresschluss Trägheit vor, da sie sich den Terror einer kleinen linksradikalen Gruppe aufzwingen ließen, man solle die jungen Leute aber dennoch gewähren lassen, denn sie würden in einigen Jahren doch „brave Spießbürger“ werden.

Ostermarsch 1968
Ostermarsch 1968

Die Zeitschrift ahnte nicht, dass bis dahin noch einige Jahre vergehen würden, an deren Ende nicht nur die terroristische Radikalisierung und ideologische Zersplitterung kleinerer Gruppen und das Aufgehen des größeren Teils der Bewegung in der SPD der Reformära Brandt stand, sondern auch eine weit in die Provinz wirkende Kulturrevolution. Deren eher hedonistische Merkmale wie etwa die Selbstbestimmung in Lebensgestaltung und Konsum, die Enthierarchisierung der Kommunikation, das veränderte Verhältnis der Geschlechter oder die Befreiung der Körper durch Rock’n Roll und Pille erscheinen vielen Jugendlichen heute als selbstverständlich.

Auch für die Jahre 1968 und 1969 enthält die Fotosammlung umfangreiches Material: Ostermarsch und Demonstration gegen den Springer Verlag im April 1968, Demonstrationen anlässlich der zweiten und dritten Lesung der Notstandsgesetze im Mai 1968, Demonstration gegen den Einmarsch der Sowjetunion in der CSSR im August 1968, Prozess gegen Daniel Cohn-Bendit im September 1968, Wahlen zum Studentenparlament November 1968, studentische Streiks im Mai und im Dezember 1968, Boykott der Rückmeldepflicht im April 1969, Demonstration gegen den Vietnamkrieg im Dezember 1969 und anderes mehr. Eine besondere Quelle stellen auch die vielen fotografierten Plakate, Wandzeitungen und Spruchbänder dar, von denen viele wahrscheinlich nur auf diesem Weg überliefert sind.

Hauptgebäude der Goethe-Universität
Hauptgebäude der Goethe-Universität

© Tobias Picard

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