Explosion in Griesheim
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Viele Frankfurter werden sich noch des gelben Regens erinnern, der an den
Fastnachtstagen 1993 von der damaligen Hoechst AG ausgehend über dem Frankfurter
Westen nieder ging. Die Stichworte Icmesa/Seveso, Union Carbide/Bhopal (Indien),
Sandoz/Basel sind fest im kollektiven Gedächtnis schwerer chemischer Unglücke
der jüngeren Vergangenheit verwurzelt.
Weniger bekannt dürfte sein, dass vor mehr als hundert Jahren sich ähnlich
schwere Chemiunfälle auf dem heutigen Stadtgebiet ereigneten.
Fabrikansicht 1900 (Bibl.Sign. HdL 252)
Zum Bibliotheksbestand des Instituts für Stadtgeschichte zählt ein
Leporello mit 10 Fotografien, die das Ausmaß einer zerstörerischen
Explosion auf einem Fabrikgelände abbilden. Das anonyme, 11x13 cm messende,
in rotes Kunstleder gebundene Bändchen trägt den Außentitel:
Griesheimer Explosion 25. April 1901. Zehn Fotografien, vermutlich im Auftrag
der Werksleitung entstanden, von denen hier eine Auswahl abgebildet ist, dokumentieren
eine Katastrophe.
An jenem Donnerstag bebte in dem damals noch selbständigen, seit 1928
nach Frankfurt eingemeindeten Ort, am Nachmittag gegen 15.15 Uhr die Erde.
Eine gewaltige Explosion erschütterte die Chemische Fabrik, gefolgt von
einem großen Feuer. Die Erschütterungen waren noch in Königstein
zu spüren.
Die zwischen Main und Eisenbahnlinie gelegene Fabrik am Westrand des damals
achttausend Einwohner zählenden Städtchens bestand hier seit 1858
und hatte sich im Lauf der Jahre immer mehr ausgedehnt. Ursprünglich zur
Herstellung von Düngemitteln gegründet, verschob sich die Produktpalette
in der Vergangenheit zu Vorstufen von chemischen Endprodukten, darunter auch
Säuren zur Herstellung von Sprengstoff.
Das Werk nach der Explosion (1)
In diesem Produktionsbereich war eine heißgelaufene Maschine in Brand
geraten. Weil die Werksfeuerwehr die Flammen wegen versagender Hydranten nicht
schnell genug löschen konnte, entzündeten sich mehrere Fässer
mit Säure und explodierten.
Das Ergebnis war furchtbar, weil viele beim Löschen des sich ausbreitenden
Brandes helfen wollten und direkt am Ort des Geschehens waren. Wie sich später
heraus stellte waren sofort 15 Tote zu beklagen. Die Wucht der Detonation schleuderte
brennende Teile bis nach Schwanheim auf der anderen Seite des Mains, wodurch
zwei dort gelegene Scheuern in Brand gerieten und zahlreiche Fensterscheiben
zu Bruch gingen. Ein Augenzeuge, der bei dem Schwanheimer Arzt und Naturforscher
Wilhelm Kobelt zu Besuch war, schilderte die Auswirkungen der Explosion auf
das jenseits des Flusses liegende Kobeltsche Wohnhaus: „Sämmtliche
Fensterscheiben nebst ihren Rahmen waren eingedrückt und lagen theils
in den Zimmern, theils auf der Straße. Die Thürrahmen und Füllungen
waren losgerissen und hingen theilweise noch oder bedeckten gleichfalls schon
den Boden, theils hatten sie sich auch festgeklemmt und versperrten den Eingang.
Theile der Zimmerdecke waren herabgestürzt und die in den zweiten Stock
führende Treppe war unpassierbar, weil mit Trümmerstücken aller
Art erfüllt.“

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Das Werk nach der Explosion (2)
Die Anlagen zur Anilinproduktion waren ganz zerstört. Nicht nur das Fabrikgelände
auch angrenzende Wohngebiete und Nachbarfabriken wurden in Mitleidenschaft
gezogen. Feuerwehren der umliegenden Gemeinden wie auch die Frankfurter Berufsfeuerwehr
taten unterstützt durch günstige Winde ihr Möglichstes um ein Übergreifen
des Brandes auf das Benzinlager zu verhindern.
In wilder Panik flüchteten die Bewohner der an die Fabrik angrenzenden
Viertel Richtung des am westlichen Ortsrand gelegenen Exerzierplatzes oder
gleich weiter nach Frankfurt. Es dauerte zwanzig Stunden, bis die Brände
und immer wieder aufflackernden Feuer gelöscht waren. Die letzten Brandwachen
wurden erst nach vier Tagen abgezogen.
Polizei und Militär zog einen dichten Kordon um den Ort des Geschehens
und verwehrte allen den Zutritt, besonders den in Scharen anrückenden
Gaffern.
In den nächsten Tagen ließen sich die Folgen des Unglücks überblicken,
auch wenn sich zunächst Spekulationen um dessen Ausmaß angefacht
durch wilde Gerüchte über die Zahl der Toten und Verwundeten als übertrieben
heraus stellten. Ein ortsansässiger Chronist nennt die Namen von 25 Toten,
von denen die meisten am 29. April und 2. Mai auf dem Griesheimer Friedhof
beerdigt wurden. Fast 200 Verletzte gab es, von denen sechs auf Dauer arbeitsunfähig
blieben.
Das Werk nach der Explosion (3)
Eine breite Spendenaktion unterstützte die Verunglückten, und die
Werksleitung richtete einen Unterstützungsfonds ein, so dass 4.000.000
Mark zusammen kamen. Daraus konnten die Hinterbliebenen der Toten Pensionszahlungen
erhalten und die Schäden an den Wohngebäuden beglichen werden.
Nach drei Monaten lief die Produktion wieder in den weniger beschädigten
Fabrikteilen, nach zehn Monaten im gesamten Werk, wobei die zerstörten
Anlagen durch moderne Produktionseinrichtungen ersetzt wurden. Da die Schäden
durch die Versicherungen abgedeckt waren und Produktionsausfälle durch
Lieferungen aus Zweigwerken und Zukäufe weitgehend ausgeglichen werden
konnten, hielt sich der finanzielle Schaden in Grenzen.
Die Produktion von Sprengstoff blieb hinfort von Seiten der Behörden untersagt,
so wie es die Presse während des Unglücks schon einmal vorsichtig
gefordert hatte. Von Seiten des Werkes wurde sie auch nicht mehr angestrebt.
Während des Ersten Weltkrieges stand dieses Verbot aber nicht mehr zur
Diskussion als die Oberste Heersleitung der deutschen Wehrmacht die verstärkte
Produktion von Munitionssprengstoff forderte. Fast folgerichtig kam es am 20.
November 1917 im Werk Griesheim zu einer weiteren Explosion, bei der wiederum
vier Menschen ihr Leben verloren und Produktionsstätten zerstört
wurden.
© Klaus Rheinfurth