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Es gibt nur wenige Archivbestände, die einen historischen Kontext rein
durch privates Schriftgut eindrücklich und facettenreich dokumentieren
können.
Der im Institut für Stadtgeschichte verwahrte Nachlass der Familie von
Mettenheim ist hierfür ein überzeugendes Beispiel.
Der Nachlass besteht aus unterschiedlichstem Archivmaterial, ausgehend von
einem umfangreichen Schriftwechsel, zahlreichen persönlichen Aufzeichnungen
bis hin zu einem beträchtlichen Fotobestand. Dem Benutzer wird dadurch
ein tiefer Einblick in die Privatsphäre der Familie ermöglicht. Interessant
ist der Nachlass für das Institut für Stadtgeschichte vor allem,
weil er die für die Geschichtsforschung sehr bedeutende Zeit des Nationalsozialismus
aus der Sicht einer (halb)jüdischen Familie beleuchtet.
Die Mutter, Cläre von Mettenheim1, geb. Hirschhorn, galt nämlich
nach den Nürnberger „Rassengesetzen“ als Jüdin. Da sie
mit einem christlichen Mann verheiratet war, wurden ihre sechs Kinder als „Halbjuden“ eingestuft.

Cläre von Mettenheim (aus Signatur: S1/273 Nr. 1272)
Die Familie schwebte während der Zeit von 1933 bis 1945 in ständiger
Angst vor einer Deportation. Verstärkt wurde dieses Gefühl durch
die vermehrt von außen eintreffenden Nachrichten über Freunde und
Bekannte, die von der Gestapo verfolgt, in ein Konzentrationslager überführt
oder sich aus Angst davor umgebracht haben.

Postkarte des Cousins Max Frankenburger und seiner Ehefrau Marie aus dem Konzentrationslager
Theresienstadt, 24.11.1942 (Signatur: S1/273 Nr. 964, Bl. 26)
Von der Deportation blieben die Familienmitglieder der von Mettenheims letztlich
verschont. Diesen Umstand hatten sie in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus
weitgehend dem Ansehen und der bedeutenden Stellung des Familienoberhauptes
Heinrich von Mettenheim zu verdanken, der Leiter der Städtischen Kinderklinik
war.
Dass die Familie von Mettenheim dennoch gewaltige Schicksalsschläge hinnehmen
musste und erheblichen Repressalien ausgesetzt war, zeigen die Ereignisse der „bewegten
Jahre“ auf, die sich dem Benutzer beim Studium der Archivalien erschließen:
Der Familienvater Heinrich von Mettenheim wurde 1935 trotz seines Ansehens
frühzeitig und ohne öffentliche Würdigung seines Amtes enthoben.
Sein Vermögen wurde weitgehend konfisziert, er verlor den Status eines
Emeritus an der Universität, wo er Vorlesungen gehalten hatte, durfte
aber weiterhin in seinem Umfeld als Arzt praktizieren und Hausbesuche abstatten.
Der älteste Sohn Eberhard von Mettenheim wurde 1939 in den Krieg eingezogen.
Für außerordentliche Tapferkeit wurde ihm 1941 sogar das Eiserne
Kreuz II. Klasse verliehen. Er gab daraufhin in einem Brief an die Mutter seiner
Hoffnung Ausdruck, dass seine Auszeichnung "nach dem Kriege zur Anerkennung
(seiner) Gleichstellung auf verschiedenen Gebieten führen sollte".2
Wenige Tage später starb er in Russland beim Überschreiten des Dnjestr
mit seiner Truppe. Cläre von Mettenheim konnte nie verwinden, dass der
Sohn offenbar durch seine jüdische Herkunft zu übergroßem Wagemut
getrieben wurde. Sie schrieb in ihr Tagebuch: „Drei Tage vor seinem Tod
meldete er das Eiserne Kreuz. (…) Er hat sich zu allen Sonderaufgaben
gemeldet. Wie ich glaube, einfach aus Angst vor dem Ariernachweis. Er sollte
Offizier werden und konnte die Papiere nicht beibringen. Du wirst aus einem
Brief eines Kameraden sehen können, dass er hier im Lande hätte bleiben
können und sollen – und hinaus ist. Um sich so auszuzeichnen, dass
sein Makel (ich!) ausgeglichen wurde – oder sich durch den Tod allem
zu entziehen.“3

Kinder der Familie von Mettenheim (aus Signatur: S1/273 Nr. 1309).
Von links nach rechts: Hildegart (1910-1982), Adalbert (1915-1987), Dieter
(geb. 1916), Eberhart (1913-1941), Hans-Heinz (1919-1987), Amelis (1920-1999)
Die älteste Tochter Hildegart war schon 1936 nach England ausgewandert,
nachdem ihr das Deutsche Reich als Halbjüdin das Studium an einer deutschen
Universität verboten hatte. Mit Zähigkeit und Improvisationsvermögen überwand
sie die schwierige Zeit, insbesondere als während des Zweiten Weltkrieges
der Geldfluss aus dem elterlichen Hause versiegte und sie zeitweilig mit einem
selbst gegründeten Labor für klinische Untersuchungen ihren Lebensunterhalt
finanzierte. Cläre, die ein inniges Verhältnis zu der Tochter hatte,
versuchte die Distanz durch regen Schriftwechsel zu überbrücken.
Als während des Krieges Schriftwechsel mit dem feindlichen Ausland verwehrt
wurde, schrieb Cläre weiterhin Briefe, nun aber in Form eines Tagebuches,
die ein detailliertes Bild über das Gefühlsleben der Mutter und auch über
die alltäglichen Familienereignisse wiedergeben.

„Dauerbriefe“ Cläre von Mettenheims (Signaturen:
S1/273 Nr. 1317-1322)
Adalbert, der mittlere Sohn, hatte an der Universität Erlangen, wo er
Theologie studierte, eine christliche Jugendgruppe aufgebaut und wurde wegen
angeblicher Verbreitung staatsfeindlichen Gedankengutes inhaftiert. Als er
sich mit einem „arischen“ Mädchen verlobte und man bei einer
Hausdurchsuchung ferner regimekritische Briefe fand, wusste Adalbert keinen
anderen Ausweg, als sich scheinbar als Gestapo-Spitzel anheuern zu lassen.
Er beging schließlich eine strafbare Handlung, nur um sich dem Einflussbereich
der Gestapo zu entziehen und um der Justiz unterstellt zu werden. Er wurde
zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der von der Gestapo eingeforderten anschließenden
Sicherheitsverwahrung in einem Konzentrationslager konnte er sich nach Einmarsch
der Amerikaner in letzter Sekunde entziehen.
Die beiden jüngeren Brüder Dieter und Hans Heinrich wurden ebenfalls
zu Beginn des Krieges eingezogen. Mit der Verschärfung der Rassegesetze
1940 wurden sie bald wieder entlassen. Nach mehrmaligen eigenen Anträgen
wurden sie schließlich erneut in den Militärdienst aufgenommen,
was die drohende Gefahr verringerte, in die Liste der zu Deportierenden aufgenommen
zu werden. 1944 wurde Hans-Heinz jedoch nach einer unachtsamen Bemerkung gegenüber
einem Offizier 1944 in Gewahrsam genommen. Bei einem Fluchtversuch in die Schweiz
wurde er gefasst, wobei ihm nach der Gefangenschaft die Weiterreichung an die
Gestapo drohte. Erst nach einem Bombenangriff auf das Gefängnis, in dem
er einsaß, gelang ihm die Flucht. Dieter kam nach einer Kriegsverletzung
1941 für einige Monate in ein Lazarett in St. Wendel/Saar und arbeitete
später an einem „kriegswichtigen Betrieb“ als Mechaniker.
Einer Aufforderung zum Abtransport in das Konzentrationslager Nordhausen kurz
vor dem Einmarsch der Amerikaner konnte er sich dadurch entziehen, dass er
nach einem Luftangriff untertauchte.
Der jüngsten Tochter Amelis wurde das Studium an einer deutschen Universität
verwehrt. Sie besuchte daraufhin für zwei Jahre meist private Kurse in
Haushaltungs-, Handels- und Sprachschulen.
Als der Vater Heinrich von Mettenheim am 29.1.1944 bei einem Fliegerangriff
in seinem Haus verschüttet wurde, verlor Cläre mit dem Tod des Ehemannes
auch den Schutz vor der Gestapo. Eine Bekannte in Ostprignitz gewährte
ihr und der Tochter Amelis auf ihrem Hofgut Asyl. Bei Kriegsende, als die russischen
Truppen einmarschierten, fliehen die beiden zurück nach Frankfurt, hatten
vorher aber erhebliche Strapazen und gefährliche Situationen mit Plünderern
und Soldaten zu überstehen.
Amelis von Mettenheim hat 1999 in dem Aufsatz unter dem Titel „Die zwölf
langen Jahre – Eine Familiengeschichte im Dritten Reich“ 4 ihre
Erinnerungen eindrücklich niedergeschrieben. Der Aufsatz und der Nachlass
sind für die Erforschung von Einzelschicksalen im Dritten Reich eine bedeutende
Fundstelle.
Die Unterlagen sind teilweise noch gesperrt, eine Einsichtnahme kann auf Anfrage
gewährt werden.
Anmerkungen:
1 Cläre von Mettenheim (1884-1980), geborene Hirschhorn, entstammte einer
wohlhabenden jüdischen Tabakhändlerfamilie in Mannheim. Sie heiratete
1903 den Militäroffizier Erwin Fischer, von dem sie sich 1916 scheiden
ließ. Erwin und Cläre Fischer hatten vier gemeinsame Kinder. 1918
heiratete Cläre Fischer den Leiter der Städtischen Kinderklinik Heinrich
von Mettenheim, mit dem sie zwei weitere Kinder hatte.
2 S1/273 Nr. 1105, Bl. 79, vom 14.7.1941
3 S1/273 Nr. 1.318, Eintrag vom 16.8.1941
4 Amelis von Mettenheim: Die zwölf langen Jahre – Eine Familiengeschichte
im Dritten Reich, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Bd.
65, Frankfurt (Kramer) 1999, S. 222-258
© Silvia Stenger