Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 10

Schicksale im Dritten Reich
Der Nachlass der Familie von Mettenheim im Institut für Stadtgeschichte

(Alle Abbildungen können durch anklicken vergrößert werden!)

Es gibt nur wenige Archivbestände, die einen historischen Kontext rein durch privates Schriftgut eindrücklich und facettenreich dokumentieren können.
Der im Institut für Stadtgeschichte verwahrte Nachlass der Familie von Mettenheim ist hierfür ein überzeugendes Beispiel.

Der Nachlass besteht aus unterschiedlichstem Archivmaterial, ausgehend von einem umfangreichen Schriftwechsel, zahlreichen persönlichen Aufzeichnungen bis hin zu einem beträchtlichen Fotobestand. Dem Benutzer wird dadurch ein tiefer Einblick in die Privatsphäre der Familie ermöglicht. Interessant ist der Nachlass für das Institut für Stadtgeschichte vor allem, weil er die für die Geschichtsforschung sehr bedeutende Zeit des Nationalsozialismus aus der Sicht einer (halb)jüdischen Familie beleuchtet.

Die Mutter, Cläre von Mettenheim1, geb. Hirschhorn, galt nämlich nach den Nürnberger „Rassengesetzen“ als Jüdin. Da sie mit einem christlichen Mann verheiratet war, wurden ihre sechs Kinder als „Halbjuden“ eingestuft.

Cläre von Mettenheim
Cläre von Mettenheim (aus Signatur: S1/273 Nr. 1272)

Die Familie schwebte während der Zeit von 1933 bis 1945 in ständiger Angst vor einer Deportation. Verstärkt wurde dieses Gefühl durch die vermehrt von außen eintreffenden Nachrichten über Freunde und Bekannte, die von der Gestapo verfolgt, in ein Konzentrationslager überführt oder sich aus Angst davor umgebracht haben.

Postkarte
Postkarte des Cousins Max Frankenburger und seiner Ehefrau Marie aus dem Konzentrationslager Theresienstadt, 24.11.1942 (Signatur: S1/273 Nr. 964, Bl. 26)

Von der Deportation blieben die Familienmitglieder der von Mettenheims letztlich verschont. Diesen Umstand hatten sie in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus weitgehend dem Ansehen und der bedeutenden Stellung des Familienoberhauptes Heinrich von Mettenheim zu verdanken, der Leiter der Städtischen Kinderklinik war.
Dass die Familie von Mettenheim dennoch gewaltige Schicksalsschläge hinnehmen musste und erheblichen Repressalien ausgesetzt war, zeigen die Ereignisse der „bewegten Jahre“ auf, die sich dem Benutzer beim Studium der Archivalien erschließen:

Der Familienvater Heinrich von Mettenheim wurde 1935 trotz seines Ansehens frühzeitig und ohne öffentliche Würdigung seines Amtes enthoben. Sein Vermögen wurde weitgehend konfisziert, er verlor den Status eines Emeritus an der Universität, wo er Vorlesungen gehalten hatte, durfte aber weiterhin in seinem Umfeld als Arzt praktizieren und Hausbesuche abstatten.

Der älteste Sohn Eberhard von Mettenheim wurde 1939 in den Krieg eingezogen. Für außerordentliche Tapferkeit wurde ihm 1941 sogar das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen. Er gab daraufhin in einem Brief an die Mutter seiner Hoffnung Ausdruck, dass seine Auszeichnung "nach dem Kriege zur Anerkennung (seiner) Gleichstellung auf verschiedenen Gebieten führen sollte".2 Wenige Tage später starb er in Russland beim Überschreiten des Dnjestr mit seiner Truppe. Cläre von Mettenheim konnte nie verwinden, dass der Sohn offenbar durch seine jüdische Herkunft zu übergroßem Wagemut getrieben wurde. Sie schrieb in ihr Tagebuch: „Drei Tage vor seinem Tod meldete er das Eiserne Kreuz. (…) Er hat sich zu allen Sonderaufgaben gemeldet. Wie ich glaube, einfach aus Angst vor dem Ariernachweis. Er sollte Offizier werden und konnte die Papiere nicht beibringen. Du wirst aus einem Brief eines Kameraden sehen können, dass er hier im Lande hätte bleiben können und sollen – und hinaus ist. Um sich so auszuzeichnen, dass sein Makel (ich!) ausgeglichen wurde – oder sich durch den Tod allem zu entziehen.“3

Kinder der Familie von Mettenheim
Kinder der Familie von Mettenheim (aus Signatur: S1/273 Nr. 1309).
Von links nach rechts: Hildegart (1910-1982), Adalbert (1915-1987), Dieter (geb. 1916), Eberhart (1913-1941), Hans-Heinz (1919-1987), Amelis (1920-1999)

Die älteste Tochter Hildegart war schon 1936 nach England ausgewandert, nachdem ihr das Deutsche Reich als Halbjüdin das Studium an einer deutschen Universität verboten hatte. Mit Zähigkeit und Improvisationsvermögen überwand sie die schwierige Zeit, insbesondere als während des Zweiten Weltkrieges der Geldfluss aus dem elterlichen Hause versiegte und sie zeitweilig mit einem selbst gegründeten Labor für klinische Untersuchungen ihren Lebensunterhalt finanzierte. Cläre, die ein inniges Verhältnis zu der Tochter hatte, versuchte die Distanz durch regen Schriftwechsel zu überbrücken. Als während des Krieges Schriftwechsel mit dem feindlichen Ausland verwehrt wurde, schrieb Cläre weiterhin Briefe, nun aber in Form eines Tagebuches, die ein detailliertes Bild über das Gefühlsleben der Mutter und auch über die alltäglichen Familienereignisse wiedergeben.

Dauerbriefe
„Dauerbriefe“ Cläre von Mettenheims (Signaturen: S1/273 Nr. 1317-1322)

Adalbert, der mittlere Sohn, hatte an der Universität Erlangen, wo er Theologie studierte, eine christliche Jugendgruppe aufgebaut und wurde wegen angeblicher Verbreitung staatsfeindlichen Gedankengutes inhaftiert. Als er sich mit einem „arischen“ Mädchen verlobte und man bei einer Hausdurchsuchung ferner regimekritische Briefe fand, wusste Adalbert keinen anderen Ausweg, als sich scheinbar als Gestapo-Spitzel anheuern zu lassen. Er beging schließlich eine strafbare Handlung, nur um sich dem Einflussbereich der Gestapo zu entziehen und um der Justiz unterstellt zu werden. Er wurde zu zwei Jahren Haft verurteilt. Der von der Gestapo eingeforderten anschließenden Sicherheitsverwahrung in einem Konzentrationslager konnte er sich nach Einmarsch der Amerikaner in letzter Sekunde entziehen.

Die beiden jüngeren Brüder Dieter und Hans Heinrich wurden ebenfalls zu Beginn des Krieges eingezogen. Mit der Verschärfung der Rassegesetze 1940 wurden sie bald wieder entlassen. Nach mehrmaligen eigenen Anträgen wurden sie schließlich erneut in den Militärdienst aufgenommen, was die drohende Gefahr verringerte, in die Liste der zu Deportierenden aufgenommen zu werden. 1944 wurde Hans-Heinz jedoch nach einer unachtsamen Bemerkung gegenüber einem Offizier 1944 in Gewahrsam genommen. Bei einem Fluchtversuch in die Schweiz wurde er gefasst, wobei ihm nach der Gefangenschaft die Weiterreichung an die Gestapo drohte. Erst nach einem Bombenangriff auf das Gefängnis, in dem er einsaß, gelang ihm die Flucht. Dieter kam nach einer Kriegsverletzung 1941 für einige Monate in ein Lazarett in St. Wendel/Saar und arbeitete später an einem „kriegswichtigen Betrieb“ als Mechaniker. Einer Aufforderung zum Abtransport in das Konzentrationslager Nordhausen kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner konnte er sich dadurch entziehen, dass er nach einem Luftangriff untertauchte.

Der jüngsten Tochter Amelis wurde das Studium an einer deutschen Universität verwehrt. Sie besuchte daraufhin für zwei Jahre meist private Kurse in Haushaltungs-, Handels- und Sprachschulen.

Als der Vater Heinrich von Mettenheim am 29.1.1944 bei einem Fliegerangriff in seinem Haus verschüttet wurde, verlor Cläre mit dem Tod des Ehemannes auch den Schutz vor der Gestapo. Eine Bekannte in Ostprignitz gewährte ihr und der Tochter Amelis auf ihrem Hofgut Asyl. Bei Kriegsende, als die russischen Truppen einmarschierten, fliehen die beiden zurück nach Frankfurt, hatten vorher aber erhebliche Strapazen und gefährliche Situationen mit Plünderern und Soldaten zu überstehen.

Amelis von Mettenheim hat 1999 in dem Aufsatz unter dem Titel „Die zwölf langen Jahre – Eine Familiengeschichte im Dritten Reich“ 4 ihre Erinnerungen eindrücklich niedergeschrieben. Der Aufsatz und der Nachlass sind für die Erforschung von Einzelschicksalen im Dritten Reich eine bedeutende Fundstelle.

Die Unterlagen sind teilweise noch gesperrt, eine Einsichtnahme kann auf Anfrage gewährt werden.

Anmerkungen:
1 Cläre von Mettenheim (1884-1980), geborene Hirschhorn, entstammte einer wohlhabenden jüdischen Tabakhändlerfamilie in Mannheim. Sie heiratete 1903 den Militäroffizier Erwin Fischer, von dem sie sich 1916 scheiden ließ. Erwin und Cläre Fischer hatten vier gemeinsame Kinder. 1918 heiratete Cläre Fischer den Leiter der Städtischen Kinderklinik Heinrich von Mettenheim, mit dem sie zwei weitere Kinder hatte.
2 S1/273 Nr. 1105, Bl. 79, vom 14.7.1941
3 S1/273 Nr. 1.318, Eintrag vom 16.8.1941
4 Amelis von Mettenheim: Die zwölf langen Jahre – Eine Familiengeschichte im Dritten Reich, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst, Bd. 65, Frankfurt (Kramer) 1999, S. 222-258

© Silvia Stenger

 nach oben

Instituts-Logo Startseite | Aktuelles | Abteilungen | Service | Veranstaltungen | Newsletter | Hilfe, Sitemap | Impressum  © 2000-2008 Institut für Stadtgeschichte