Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 12

Wer war W. Wächtershäuser?
Ein Beitrag zur Rekonstruktion der Firmengeschichte eines alten Frankfurter Handelsgeschäfts

(Alle Abbildungen können durch anklicken vergrößert werden!)

In der Töngesgasse 39 befindet sich das alteingesessene Geschäft für Schneiderbedarf W. Wächtershäuser, das 2007 sein 185. Firmenjubiläum feierte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung widmete dem Jubiläum in ihrer Ausgabe vom 18.12.2007 einen ausführlichen Artikel. Die noch vorhandenen mündlich weitergegebenen Erinnerungen reichen noch bis in die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zurück. Aber bereits zu diesem Zeitpunkt kannte man die Person W. Wächtershäuser nicht mehr.

Blick aus dem Schärfengässchen auf die Töngesgasse 39
Blick aus dem Schärfengässchen auf die Töngesgasse 39, 2008. (Foto: ISG/P. Kostakev)

Immer dann, wenn Firmenarchive nicht mehr vorhanden sind - auch hier setzte der Zweite Weltkrieg eine Zäsur - bietet sich die Möglichkeit an, in den örtlichen Archiven nachzuforschen.

Der erste Geschäftseintrag unter dem Namen Wächtershäuser findet sich in den Frankfurter Adressbüchern im Jahr 1863 und gilt einer Handlung für Merceriewaaren, Commission. und Spedition. in der Ziegelgasse 16. Merceriewaren sind Kurzwaren, wie Knöpfe, Zwirne, Reißverschlüsse. Eigentümer war Conrad Wilhelm Wächtershäuser. Er war der Sohn des Lohndieners Friedrich Jacob Wächtershäuser. Dieser war Anfang der 1830er Jahre aus Ober-Eschbach nach Frankfurt gekommen. Er und seine Frau Constantia waren als Hausdiener und Hausangestellte u. a. bei der Familie von Bethmann beschäftigt. Der Sohn Conrad Wilhelm Wächtershäuser wurde am 07.10.1838 in Frankfurt geboren.

Noch 1862 ist unter der Adresse Ziegelgasse 16 die Garn- und Leinwandhandlung von Johann Jacob Friedrich Lange genannt. 1862 hatte Wächtershäuser den Bürgereid geleistet und vermutlich im gleichen Jahr die Stieftochter Langes, Johanna Sophie Sauer, geheiratet und das Geschäft von Lange übernommen. Er veränderte das Geschäft von Garnen und Leinwand zu einem Geschäft für Merceriewaren. Lange selbst zog in die Theobaldstr. 15.

Johann Jacob Friedrich Lange war der zweite Ehemann der Anna Sabina Sauer, geb. Emmerich, Tochter eines Schneidermeisters und Witwe des Garn- und Leinwandhändlers Johann Georg Sauer, der 1840 verstorben war. Lange, ein Bremer Schneidergeselle, war ein Freund des Verstorbenen, verlobte sich mit der Witwe des Freundes. Damit verbunden war die Hoffnung, das Frankfurter Bürgerrecht zu erwerben. Erst nach dem dritten Anlauf gelang ihm das. Das Geschäft, dass sich in der Schärfengasse G 23 befand, wurde zwischen 1843 und 1848 in die Ziegelgasse 16 verlegt.

Der verstorbene Johann Georg Sauer, ursprünglich Schneidergeselle aus Sulzbach, arbeitete seit 1820 als Geselle in Frankfurt. Er heiratete seine langjährige Verlobte Anna Sabina Emmerich, mit der er bereits ein zehnjähriges Kind hatte, erst 1838, da er mehrere Jahre vergeblich um das Bürgerrecht als Schneidermeister nachgesucht hatte. Mehrfach wollte sich Sauer für die erforderlichen Mutjahre einschreiben lassen, wurde aber von den Zunftgeschworenen abgelehnt, da er seine Wanderjahre nur in Frankfurt abgeleistet hatte.

Für Nicht-Frankfurter Gesellen galt, dass nur jedes zweite Jahr abwechselnd ein Fremder oder ein Beisassensohn für die Mutjahre eingeschrieben werden konnte. Diese dauerten zwei Jahre und waren eine Bewährungszeit, in der sich der Geselle gesittet benehmen musste. Erst danach konnte ein Geselle das Meisterrecht erwerben. Zwar wurde Sauer eine Wanderzeit außerhalb Frankfurts erlassen, nicht aber die Ableistung der Mutjahre. Das Schneiderhandwerk war seit vielen Jahren überbesetzt, die Zahl der Meister wurde daher strikt begrenzt und Fremden war der Zugang besonders erschwert. Da Sauer nicht länger warten wollte, stellte er am 01.Oktober 1838 erneut einen Antrag, diesmal als Garn- und Leinwandhändler:

Ich bin daher nunmehr entschlossen, von der Schneiderprofession zu abstrahiren, und beabsichtige, mich als Garn- und Leinwandhändler dahier zu etabliren.1

Am 31.12.1838 leistete Sauer seinen Bürgereid und erwarb damit das Recht, das geplante Geschäft zu eröffnen. 1839 dürfte er dann die Garn- und Leinwandhandlung in der Schärfengasse G 23 eröffnet haben. Am 16.12.1839 kam seine zweite Tochter Johanna Sophie zur Welt, die spätere Sophie Wächtershäuser. Das Geschäft entwickelte sich gut. 1842 zählten die „bedeutendsten Schneidermeister…, die Herrn Kriegsfelder, Raab, Müller, Wenzel, Schwarz, Jung, Lampe u. a. m.“ zu den Kunden2. Weiter zurück lässt sich das Handelsgeschäft nicht verfolgen, da es sich um eine Neugründung handelte. In einer späteren Supplikation schrieb seine Witwe von dem „im Schärfengässchen neu gegründeten Garn- und Leinwandgeschäft…3. Es stellt sich daher die Frage, wie sich das tradierte Gründungsdatum 1822 erklären lässt. Leider sind alle vorhandenen Geschäftsunterlagen 1944 restlos verbrannt.

Wächtershäuser verstarb am 15.06.1881. Jean Michael Schäfer übernahm unter Beibehaltung des alten Namens W. Wächtershäuser den Laden und verlegte die Handlung für Schneiderartikel, Futterstoffe und Merceriewaren 1890/91 in die Töngesgasse 61 und damit in unmittelbare Nähe zum Schärfengässchen, wo sich die Sauersche Garn- und Leinwandhandlung befunden hatte. 1923/24 wurde Walter Woelk Inhaber des Geschäfts für Schneiderartikel und Tuche. Fried Lübbecke schrieb in einem Nachruf auf Woelk, der 1961 verstarb, dass die Firma Wächtershäuser zu den „nobelsten Firmen der Altstadt4 gehörte.

Töngesgasse 61/Ecke Liebfrauenberg, um 1929
Töngesgasse 61/Ecke Liebfrauenberg, um 1929

Nach dem Krieg hatte der Betrieb kurzzeitig seinen Sitz in der Großen Eschenheimer Str. 10 bis er nach dem Wiederaufbau des Gebäudes in die Töngesgasse 39 (früher Nr. 61) zurückkehren konnte. Ein Enkel Walter Woelks gleichen Namens übernahm das Geschäft kurzzeitig, das dann von Johanna und dem Sohn Horst Erb übernommen wurde. Seit 01.01.1998 ist Frau Sibylle Zolles Geschäftsinhaberin, 2002 kam Thomas Schmid als Geschäftsführer hinzu.

Das Rätsel um die Person W. Wächtershäusers ist gelöst. Aber manchmal führen Forschungen zu neuen Fragen. Wie erklärt sich das Gründungsjahr 1822? Geht man von einem Gründungsjahr 1839 aus, würde die Firma W. Wächtershäuser im nächsten Jahr 170 Jahre alt. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern ist!

© Sylvia Goldhammer

1 ISG Frankfurt, Senatssupplikation 347/13
2 ISG Frankfurt, Senatssupplikation 426/5
3 Ebd.
4 Zeitungsartikel vom 11.12.1961, in: ISG/ S3/ R 1824

Weitere Quellen:
Adressbücher, Bürgerbuch 1862, Einwohnermeldekartei, Gewerberegister, Senatssupplikation 549/9.
Mein Dank geht an Frau Zolles für das informative Gespräch.

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