Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 13

Rudern in Frankfurt mit 140-jähriger Tradition
- Das Archiv der Frankfurter Rudergesellschaft „Germania“ 1869 e.V.

(Alle Abbildungen können durch anklicken vergrößert werden!)

Das Archiv der Germania kam als Dauerleihgabe im Jahr 2006 in das Institut für Stadtgeschichte. Seitdem wurde der Bestand konservatorisch bearbeitet, einzelne Stücke restauriert und das Archiv komplett in unserer Archivdatenbank verzeichnet. Diese Arbeiten sind nun abgeschlossen. Der Bestand V 110 enthält aktuell 198 Nummern, ist vollständig über die Internetdatenbank durchsuchbar und zusätzlich durch das Findbuch Nr. 959 auch „analog“ lesbar. Einige wenige Akten aus den letzten 30 Jahren sind noch für die Benutzung gesperrt (z. B. aufgrund von personenbezogenen Daten, außerdem Vorstandsprotokolle).

Jahresbericht 1875-1876
Jahresbericht 1875 - 1876 mit eigenhändiger Unterschrift von Achilles Wild (V 110/ 23)

Ein paar Schlaglichter auf die Vereinsgeschichte, außerdem: was ist drin im Archiv?

Beispielsweise ein sehr umfangreicher Bestand an Fotografien, Jahresberichte des am 15. Juli 1869 unter dem Namen Frankfurt Ruder-Gesellschaft gegründeten Vereins von 1874 bis 1913, Satzungen, Festschriften sowie biografisches Material zu vielen in der Germania aktiven Ruderern wie Achilles Wild (mehrfacher Deutscher Meister im Einer) oder Lutz Ulbricht (1968 Olympiasieger in Mexiko im Achter), um nur zwei der bekanntesten Namen zu nennen… Dabei umfasst das Vereinsarchiv Unterlagen aus 125 Jahren Vereinsgeschichte, die beiden ältesten Dokumente stammen aus dem Jahr 1872: eine Fotografie (Mitglieder der Rudergesellschaft vor dem Bootshaus am Holzmagazin) und eine Spendenliste für den Ankauf des englischen Bootes „Grille“. Die jüngsten Unterlagen stammen bislang aus dem Jahr 2007.

Spendenliste
Liste der Mitglieder der Frankfurter Ruder-Gesellschaft, welche sich durch freiwillige Beiträge an dem Ankauf einer englischen Outrigger-Gigg („Grille“) beteiligten. (V 110/ 71)

Schon vier Jahre später zeigt sich der Erfolg der Rudergesellschaft nicht nur in den ständig umfangreicher werdenden Jahresberichten, sondern auch an einer wesentlich längeren Spendenliste. Anlass war diesmal die Finanzierung des „Besuchs einer Wettfahrt in London“, d. h. jener berühmten ersten Wettfahrt auf der Themse gegen den London Rowing-Club am 24. Juni 1876. Die Namen der Spender repräsentieren die damalige Elite der Stadt Frankfurt, darunter die heute noch bekannten Namen von Bethmann, Mumm, Grunelius, Guaita oder du Fay; auch ein Richard Nestlé spendete 50 Mark an die Rudergesellschaft. In dieser Liste von 1876 wird nun auch zwischen aktiven Mitgliedern und passiven Förderern der Germania unterschieden.

Zeichnungsliste, 1876
Liste der aktiven und passiven Mitglieder, welche durch freiwillige Zeichnungen sich an den,
durch den Besuch der Londoner Wettfahrt entstehenden Kosten, beteiligen. Juni 1876 ( V 110/ 71)

Die Mitgliederzahlen stiegen stetig:1873 sind es laut erstem Jahresbericht nur 38 aktive Mitglieder, nach den siegreichen Wettfahrten in den Niederlanden (Doppelsiege 21. Mai in Rotterdam und 29. August in Amsterdam) am Ende des Jahres 1874 bereits 79 aktive und 143 passive Mitglieder und im Jahr 1886 wird ein erster Höchststand mit 596 Mitgliedern erreicht. Neben dem Rudern wurden daher ein Ausbau des Bootshauses und Angebote für die passiven Mitglieder immer wichtiger. Ein erster Umbau des Bootshauses - weg vom Rudern, hin zu mehr Komfort - fand bereits im Jahr 1879 statt. Das bekannte Clubhaus mit dem hohen Aussichtsturm konnte am 25. Juli 1886 eingeweiht werden.

Vorstandsmitteilung
Mitteilung des Vorstands der Germania an die Mitglieder betr. neu erbautes Vereinslokal und Kegelbahn. Oktober 1879 (V 110/ 71)

Außerdem fanden jährlich vereinsinterne Ruderfeste auf dem Festplatz an der Gerbermühle statt, während die erste eigene internationale Regatta am 17. August 1879 durchgeführt wurde. Diese seit 1881 jährlich veranstalteten Regatten der Germania bildeten auch den Rahmen für das erste Meisterschaftsrudern im Einer am 13. August 1882 in Frankfurt, das Achilles Wild gewann. Auch ging von der Germania die Initiative zur Gründung des Deutschen Ruderverbandes im Jahr 1883 aus.

Zeichnung Regattastrecke
Alte Regattastrecke mit Ziel und Festtribüne an der Gerbermühle. 1879 (V 110/ 171)

Ab 1880 entstand im Verein eine Gesangsriege, weswegen auch zahlreiche Lieder über die Germania, Notenmaterial oder Ulk-Zeitungen zum Vereinsarchiv gehören. Auch über Faschingsveranstaltungen, Tanzveranstaltungen im Zoologischen Garten und Winterbälle im Palmengarten wird in den Jahresberichten erzählt. Organisiert wird der gesellige Teil des Vereinslebens ab 1887 von dem neu gegründeten Vergnügungs-Comité. Bis zum Jahr 1898 sind die Jahresberichte sowie eine einzelne Mappe mit Mitteilungen des Vorstandes an die Mitglieder die einzigen Quellen. Dabei liefern die Jahresberichte nicht nur komplette Mitgliederlisten und Berichte über Erfolge bei auswärtigen Regatten, auch besondere Ereignisse wie die Hochwasserschäden 1882 werden erwähnt. Zusätzlich sind hier die kompletten Regatta-Programme sowie die Ergebnisse und Mannschaften abgedruckt. Auch welcher Pokal wann gestiftet wurde wird dadurch nachvollziehbar.

Ab 1898 sind erstmals handschriftliche Vorstandsprotokolle vorhanden, trotzdem bleibt deren Überlieferung lückenhaft, da von den Jahren 1913-1967 leider keine Protokolle vorhanden sind. Erst im Jahr 1968 setzen drei vollständige Aktenserien Vorstandsprotokolle, Mitgliederversammlungen und Schriftverkehr des Vereins ein. Als neue Quelle kommen ab 1925 die gedruckten Clubnachrichten der Germania hinzu, die ebenfalls viel biografisches Material zu Mitgliedern liefern, so z. B. durch Porträts oder Lebensläufe, Ehrungen oder auch Nachrufe. Außerdem gehören zum Vereinsarchiv viele Urkunden von Wettkämpfen, aber auch Auszeichnungen für den Verein selbst.

Urkunde zur Sportplakette
Urkunde: Der Frankfurter Rudergesellschaft Germania wird für hervorragende sportliche Leistungen die Sportplakette der Stadt
Frankfurt am Main in Bronze verliehen (mit Unterschrift von Oberbürgermeister Dr. Walter Wallmann). 1977 (V 110/ 170)

Für die Zeit des Nationalsozialismus ist eine Chronik von Herbert Gross mit Presseberichten und Urkunden von 1940-1943 besonders erwähnenswert, da auf diese Art und Weise dokumentiert wird, dass bis weit in das Kriegsjahr 1943 hinein Ruderwettkämpfe in Frankfurt stattfanden. Auch ein Fotoalbum mit zahlreichen Soldatenbildern und die von Christoph Drexler verfassten Rundschreiben an die im Feld stehenden Mitglieder sind beeindruckende Dokumente dieser Zeit.

Bootstaufe durch Willy Brandt
Bootstaufe auf der Hauptwache im Rahmen der „Berliner Tage“ mit dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt 1958
(V 110/ 194, © Fotograf Robert Vack)

Den Zweite Weltkrieg überstand die Frankfurter Rudergesellschaft Germania recht glimpflich. Es gab zwar Schäden am Boots- und Clubhaus, aber das Bootsmaterial war dank rechtzeitiger Auslagerung erhalten geblieben. Trotzdem wurden in den 50er Jahren zahlreiche Boote getauft – auf prominente Namen und von prominenten Leuten…

Bootstaufe mit Änne Kolb
Bootstaufe Vierer ohne auf den Namen „Dr. Walter KOLB“ mit Witwe Änne Kolb 1958
(V 110/ 148: 1, © Fotograf Robert Vack)

Auch in jüngster Zeit erzielt die Germania beeindruckende Erfolge und engagiert sich intensiv sowohl im Leistungssport (u. a. mit Yvonne Weckesser, Katja Brecht, Marcel Hacker oder Ivan Saric) als auch in der Nachwuchsarbeit (Kooperation mit Schulamt und Johann Wolfgang-Goethe-Universität für das Schulruderzentrum Frankfurt). Mit Veranstaltungen wie dem internationalen Rhein-Main-Achter 2004 hält der Verein die Tradition der großen Achterrennen auf dem Main lebendig und sorgt so auch für weiteren Nachschub für die umfangreiche Fotosammlung im Archivbestand „Frankfurter Rudergesellschaft Germania 1869“.

Rhein-Main-Achter
Internationaler Rhein-Main-Achter. 26.09.2004 (V 110/ 196)

© Claudia Schüßler

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