Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Newsletter, Ausgabe 14

Sammlung Paulskirchenjubiläum

(Alle Abbildungen können durch Anklicken vergrößert werden!)

Die neu verpackte und komplett in der Archivdatenbank verzeichnete Sammlung Paulskirchenjubiläum umfasst 110 Urkunden und fünfzehn Köcher aus Holz, Leder oder Metall, die der Stadt Frankfurt anlässlich des Wiederaufbaus der Paulskirche und im Rahmen der Jahrhundertfeier der Paulskirchenversammlung vom 16. bis 22. Mai 1948 durch einen bundesweit durchgeführten Sternstaffellauf überbracht wurden. Der Bezug auf die demokratischen Anfänge Deutschlands in der Nationalversammlung von 1848 macht den besonderen Reiz der Sammlung aus, die Paulskirche wird - weitaus früher als die Frauenkirche in Dresden - mit Hilfe einer Spendenaktion wieder aufgebaut und steht als Symbol der Demokratie für einen Neuanfang nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg.

Erinnerungsurkunde für die Teilnehmer am Sternlauf
Erinnerungsurkunde für die Teilnehmer am Sternlauf nach Frankfurt (S4a/ 40)

Im Text aus der Frankfurter Erinnerungsurkunde für die Teilnehmer des Sternlaufes heißt es: "Zwanzigtausend und mehr Läuferinnen und Läufer waren vom frühen Morgen des 14. Mai bis zum 18. Mai nachmittags 16 Uhr unterwegs, um in sinnvollem Zusammenwirken in einem siebenfachen Sternlauf nach Frankfurt am Main zu streben. Von der nördlichen Wasserkante bis zu der südlichen Grenze im Alpengebiet des uns verbliebenen Vaterlandes trugen sie von 7 markanten Startplätzen aus ihre Köcher, Werke deutscher Meisterschulen und handwerklicher Kunst, zur alten Mainstadt, um diese dort anlässlich der Säkularfeier der Ersten Deutschen Nationalversammlung in der wiedererrichteten Paulskirche mit den Urkunden und den Glückwünschen vieler deutscher Städte und Kreise zu überbringen.“ Startplätze waren die Städte und Gemeinden Flensburg, Bremerhaven, Berlin, Garmisch-Partenkirchen, Ulm, Malsch und Kassel. Die Läufer waren überwiegend Mitglieder örtlicher Sportvereine, die neben den offiziellen Urkunden mit Grüßen der jeweiligen Stadt oder des Landkreises auch die ihres Vereines oder Sportverbandes überbrachten.

Urkunde der Stadt Ulm
Urkunde der Stadt Ulm (S4a/ 111)

Daher sind neben den Unterschriften zahlreicher prominenter Politiker der Nachkriegszeit in Deutschland auch die Unterschriften von heute kaum noch bekannten Sportfunktionären vorhanden. Beispielsweise unterschrieb für die Stadt Ulm ihr Oberbürgermeister Robert Scholl, Vater der Geschwister Scholl aus der Widerstandsgruppe Die Weiße Rose. Es liegen außerdem die Unterschriften vieler SPD-Politiker vor, die nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg oft die ersten Bürgermeister in Städten und Gemeinden stellten, darunter Artur Ladenbeck (Bielefeld), Hans Ziegler (Nürnberg), Andreas Gayk (Kiel), Otto Suhr (Berlin), Ludwig Metzger (Darmstadt), Max Brauer (Hamburg) oder Friedrich Wilhelm Henßler (Dortmund). Hinzu kommen noch Urkunden der Bundesländer Berlin, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein sowie des Deutschen Gemeindeverbandes.

Urkunde der Stadt Bremerhaven     Urkunde der Gemeinde Malsch
Urkunden der Stadt Bremerhaven (S4a/ 47) und der Gemeinde Malsch bei Karlsruhe (S4a/ 124)

Die Spanne der vorhandenen Urkunden reicht dabei von prachtvoll gestalteten Diplomen auf Büttenpapier (Stadt Offenbach) bis zu ganz einfachen maschinenschriftlichen und heute vergilbten Grüßen; so spiegelt sich die materielle Not der Nachkriegszeit in manchen Urkunden wieder, die mit Wassermalfarben trotzdem kunstvoll gestaltet wurden (Stadt Bremerhaven). Andere Städte ließen Urkunde und Köcher von vorhandenen Kunstgewerbeschulen (Staatliche Kunstgewerbeschule Bremen) oder ortsansässigen Künstlern (Illenberg, Stadt Geislingen) aufwendig gestalten. Die Texte beziehen sich - mal mehr oder weniger kitschig - auf die Nationalversammlung von 1848, die Paulskirche wird als Symbol für einen demokratischen Neuanfang ausdrücklich auch in der europäischen Völkergemeinschaft gesehen.

Urkunde Badischer Sportverband
Urkunde Badischer Sportverband Kreis Mosbach (S4a/ 70)

Insbesondere die badischen Städte und Gemeinden nehmen Bezug auf ihre eigene Vergangenheit und verweisen auf die badischen Freiheitskämpfer von 1848. Als Musterbeispiel sei hier der Text der Urkunde des Landkreises Bergstraße (S4a/ 17) wiedergegeben:
„Durch die historischen Ereignisse des Jahres 1848 besteht zwischen der Stadt Frankfurt und dem Landkreis Bergstraße eine besondere Verbindung. In den Mauern seiner Kreisstadt, in Heppenheim an der Bergstraße, versammelten im Oktober 1847 namhafte deutsche Männer unter dem Vorsitz Heinrich von Gagern, dem späteren ersten Präsidenten der Paulskirche, um die Frankfurter Nationalversammlung von 1848 vorzubereiten. Die bei der Versammlung in Heppenheim beschlossenen Forderungen:
Politische Vereinigung der deutschen Staaten, Berufung eines deutschen Parlaments, Pressefreiheit, Reform des Rechtswesens und sonstige freiheitliche Forderungen stehen heute wieder im Mittelpunkt des politischen Geschehens in Deutschland, und sie finden sich, auf die höhere Ebene einer angestrebten europäischen Völkergemeinschaft übertragen, noch stärker in den politischen Konzeptionen für Europa.
Mögen die Ereignisse und Zielsetzungen vor hundert Jahren den heutigen europäischen Staaten Lehre und zugleich Vermächtnis sein, dass kultureller und wirtschaftlicher Wiederaufstieg, Friede und Wohlstand in Europa nur jenseits des nationalen Egoismus der Völker in der Gleichberechtigung und Zusammenarbeit aller Staaten liegen können.“

© Claudia Schüßler

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