Ausstellung

Auf Herz und Nieren. Geschichte des Frankfurter Gesundheitswesens

© © The Wellcome Institute for the History of Medicine, London

Das Frankfurter Gesundheitsamt feiert 2017 mit einem vielfältigen Jubiläumsprogramm sein hundertjähriges Bestehen. Ein Höhepunkt ist die bis 19. Mai 2018 im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt zu sehende Ausstellung „Auf Herz und Nieren. Geschichte des Frankfurter Gesundheitswesens.“ Die von Sabine Börchers kuratierte Ausstellung schlägt in sechs Abschnitten den Bogen vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Dabei reichen die Anfänge der öffentlichen Gesundheitsvorsorge der Mainmetropole bis ins Mittelalter zurück.

Ort: Karmeliterkloster, Dormitorium Veranstalter: Institut für Stadtgeschichte / Gesundheitsamt
Eintritt: frei
Begleitprogramm zur Ausstellung zum Download (PDF)

Die ersten Stadtärzte


Schon früh erkannten die Frankfurter Ratsherren die Notwendigkeit einer aktiven Gesundheitsvorsorge in einer reichen Stadt, die zahlreiche Messegäste und Handelsreisende anzog. Die auf Hippokrates zurückgehende Vorstellung, giftige Ausdünstungen des Bodens trügen zur Verbreitung von Krankheiten bei, ließ bei Ärzten und Ratsherren das Verständnis für die Bedeutung der allgemeinen Hygiene reifen. Mit dem Dienstbrief des Wundarztes Johann Wolff von Luzern aus dem Jahr 1381 beginnt im Institut für Stadtgeschichte die urkundliche Überlieferung zum öffentlichen Gesundheitswesen. Für ein Jahresgehalt von 20 Gulden und sechs Ellen Tuch verpflichtete sich der erste urkundlich erwähnte Arzt in städtischen Diensten Verwundeten und Kranken im Spital zu helfen. Auch die seit der Mitte des 14. Jahrhunderts überlieferten Frankfurter Gesetze beinhalten Gesundheitsverordnungen und seit 1548 verfügte die Reichsstadt über eine Medizinalordnung, die Regeln für Ärzte, Wundärzte, Apotheker und Hebammen vorschrieb.

© ISG Dienstbriefe 928/1© ISG Dienstbriefe 928/1

Als Frankfurt 1866 seine kommunale Selbstständigkeit verlor, schuf die Preußische Polizeiverwaltung eine Sanitäts- und Gesundheitspolizei, welche die Frankfurter Krankenanstalten, Gefängnisse und Ärzte überprüfte und regelmäßig Untersuchungen der Prostituierten durchführte. Seit 1883 verfügte Frankfurt wieder über einen dem Magistrat unterstellten Stadtarzt – ein Unikat im preußischen Staat –, der insbesondere die Hygiene im Schulwesen überwachte. Zur Gründung eines städtischen Gesundheitsamtes kam es hingegen erst 1917 – eher als Kuriosum.

Da im Ersten Weltkrieg viele Jugendliche durch die Kriegsfolgen zu verwahrlosen drohten, beschloss der Magistrat für die Jugendfürsorge zusätzliche Stadtärzte einzustellen. Für mehrere Stadtärzte fehlte aber eine Dienststellenbezeichnung – somit war das Stadtgesundheitsamt geboren, das drei Jahre später zur Behörde wurde. Zu den vornehmlichen Aufgaben in den folgenden Jahren gehörten Säuglingsfürsorge, Schulkinderspeisung, Schulzahnklinik, schulärztlicher Dienst oder die Behandlung von Erkrankten wie bei der Grippeepidemie 1927.


Nationalsozialistische Gesundheitspolitik


Die Ausstellung arbeitet auch die Verstrickungen des Frankfurter Gesundheitsamtes in den Rassenwahn während der NS-Zeit heraus. Die neuen Machthaber entfernten 1933 missliebige Mitarbeiter, häufig jüdischen Glaubens, aus dem Gesundheitsamt und nutzten die Behörde, um unter dem Mantel der Volksgesundheit ihre rassenhygienischen Vorstellungen durchzusetzen. So wurde im Frankfurter Gesundheitsamt im April 1933 eine Abteilung für Erbbegutachtung mit einer Beratungsstelle eingerichtet, die seit 1934 als Abteilung für Erb- und Rassenpflege firmierte.

Die Behörde legte entsprechend den Vorgaben des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ eine „Erbkartei“ der Frankfurter Bürger an. Die Erbkartei umfasste Informationen über Abstammung, Schulbildung, Krankheitsbilder oder mögliche Erbkrankheiten und bildete das Entscheidungskriterium in Fragen von Heirat, Adoption oder Einstellung in den städtischen Dienst. 1943 befanden sich rund 420.000 Karteikarten und damit die Daten von drei Vierteln der Frankfurter Bevölkerung in der Erbkartei. Weiterhin gab das Gesetz den rechtlichen Rahmen für Zwangssterilisationen vor, die medizinisch meist mit der Diagnose „angeborener Schwachsinn“ begründet wurden. In den Akten sind 3.200 Frankfurter Fälle dokumentiert, in denen zu drei Vierteln eine Zwangssterilisation durchgeführt wurde.

Zudem trieben die Nationalsozialisten seit 1933 mit massiven Sparmaßnahmen im Bereich der Fürsorge zunächst subtil ihre propagierte „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ voran. Die Insassen der Universitätsnervenklinik wurden ab 1935 in „Heil- und Pflegeanstalten“ wie die Landesanstalten Weilmünster und Hadamar überführt. In Hadamar wurden ab 1940 mehr als 10.000 Menschen systematisch ermordet. Das „Denkmal der Grauen Busse“, das zeitgleich zur Ausstellung auf dem Rathenauplatz zu sehen ist, erinnert an diese Opfer.

Nach 1945 blieben trotz Bemühungen einer umfassenden Entnazifizierung der Behörde überzeugte Nationalsozialisten im Amt und mit Robert Ritter und Eva Justin fanden 1947/48 sogar zwei Ärzte Anstellung, welche die „rassenbiologische Erfassung“ der Sinti und Roma im Reich geleitet bzw. daran mitgewirkt hatten.

Neuanfang und zusätzliche Herausforderungen


Nach Kriegsende mangelte es 1945 in Frankfurt wie in den anderen hessischen Städten an Wohnraum und Nahrungsmitteln. Die schlechten Wohnverhältnisse boten Krankheiten einen guten Nährboden. So bestand die Hauptaufgabe der Mediziner im Gesundheitsamt darin, Kinder, städtische Angestellte und heimkehrende Kriegsgefangene auf Krankheiten, Zeichen von Unterernährung oder damit eingehergehende Hauterkrankungen zu untersuchen und drohende Typhus- und Grippeepidemien und die stark angestiegene Zahl der Tuberkuloseerkrankungen zu bekämpfen. Auf dem Feld der Gesundheitsvorsorge forcierte die US-Militärregierung vom Gesundheitsamt durchgeführte Massenimpfungen gegen Pocken, Tuberkulose, Scharlach und Diphterie. Die Massenimpfungen setzten sich auch in den folgenden Jahrzehnten gegen Polio fort.

In den 1950er und 1960er Jahren stand das Gesundheitsamt neuen Herausforderungen gegenüber: Umweltthemen wie Lärm- und Geruchsbelästigung spielten eine größere Rolle und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes erstellten Gutachten über Belastungen durch chemische Fabriken, räuchernde Wurstfabriken oder Ölraffinerien. Als eine der ersten Städte der Bundesrepublik beschlossen die Stadtverordneten 1958 die Einrichtung einer Strahlenschutzstelle im Gesundheitsamt. Fortan untersuchte ein speziell ausgebildeter Physiker Beschäftigte, die beruflich mit Strahlung in Kontakt standen. Durch das 1961 erlassene Bundesgesetz zur Vermeidung von Infektionskrankheiten mit Vorschriften zu Trinkwasserkontrollen, Schädlingsbekämpfung und Abfallbeseitigung fiel dem Gesundheitsamt zudem die Aufgabe zu, alle Frankfurter regelmäßig zu untersuchen, die Lebensmittel herstellten oder verarbeiteten.

© ISG Stadtgesundheitsamt 145/1© ISG Stadtgesundheitsamt 145/1

Auch mit dem steigenden Drogenkonsum in der Stadt sah sich das Gesundheitsamt konfrontiert und richtete 1970 deutschlandweit die erste Beratungsstelle für Rauschgiftgefährdete ein. Schule machte das „Frankfurter Modell“ der 1988 erstmals erprobten Drogensubstitution. In einem Pilotprojekt wurde 46 Hilfesuchenden Methadon als synthetischer Ersatz für Heroin verabreicht. Erneut Vorreiter war das Frankfurter Gesundheitsamt im Februar 1985 mit einer rasch vergriffenen Aufklärungsbroschüre des 1981 erstmals beschrieben HIV-Virus. Zudem bestanden seit 1985 Möglichkeiten für persönliche oder telefonische AIDS-Beratungen im Gesundheitsamt.

Zu den Daueraufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens zählte die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Gonorrhoe. Besonders in Kriegszeiten stieg die Zahl der Erkrankten stark an. Hatten während des Ersten Weltkrieges Landesversicherungsanstalt, Stadt und Krankenkassen mit einer Beratungsstelle versucht der Prostitution entgegenzuwirken, wurden Prostituierte 1927 behandlungs- und meldepflichtig. Um der gestiegenen Armutsprostitution nach dem Zweiten Weltkrieg entgegenzuwirken, setzte das Gesundheitsamt auf Aufklärungskampagnen und Razzien. Ab 1953 benötigten Prostituierte ein Gesundheitszeugnis, im Volksmund „Bockschein“ genannt. Den „Bockschein“ schaffte Frankfurt 1991 ab und konzentrierte sich auf Betreuungsangebote. Eine Kehrtwende wurde mit dem aktuellen Prostituiertenschutzgesetz vorgenommen, das erneut die namentliche Meldung und Beratung im Gesundheitsamt vorsieht.

Im Jahr seines hundertjährigen Bestehens hat sich das Frankfurter Gesundheitsamt mit mehr als 200 Mitarbeitern zu einer modernen Behörde mit dem Motto „Gesundheit für alle“ gewandelt.

Vom Dienstbrief bis zum Gebissmodell


Die Ausstellung erzählt die mehr als 600-jährige Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens zum einen über Texttafeln mit 100 Abbildungen und Plakaten sowie über zahlreiche Objekte. Am Anfang der Überlieferung stehen zwei Dienstbriefe von Johann Wolff von Luzern aus dem 14. Jahrhundert. Medizinisches Gerät wie eine Harnröhrenspritze zum Verabreichen von Quecksilber bei Syphilis oder ein Instrumentenkasten mit Knochensäge und Zange zeigen das Arbeitsgerät früherer Wundärzte. Ein Vermessungszirkel, eine Augen- und eine Haarfarbetafel machen dem Besucher deutlich, wie die Abteilung für Erb- und Rassenpflege während des Dritten Reiches Bestimmungen für die Erbkartei vornahm. Die ständigen Aufgaben des öffentlichen Gesundheitswesens Aufklärung, Vorsorge und Schutz bilden eine inhaltliche Klammer innerhalb der Ausstellung. Sie werden u.a. durch Pockenimpfscheine, Medikamente und Impfstoffe, den Taschenspucknapf „Blauer Heinrich“, mehrere Moulagen von Tuberkuloseerkrankungen sowie ein Gebissmodell samt Zahnbürste für den Zahnputzunterricht erlebbar.

© Sammlung Rosak, Foto: Zwilling© Sammlung Rosak, Foto: Zwilling

Ergänzt wird die Ausstellung durch das Begleitbuch von Sabine Börchers „Aufklärung – Vorsorge – Schutz“ und ein umfangreiches Begleitprogramm, das in Führungen, Erzählcafés und Vorträgen einzelne Aspekte des öffentlichen Gesundheitswesens vertieft. Termine und weitere Informationen im Begleitprogramm (PDF) zum Download.

Text: Dr. Markus Häfner, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main