Die Reichstadt 1219-1806 (2)
Zwischen 1350 und 1366 wird die Stadt von Auseinandersetzungen zwischen dem
patrizischen Rat und den nach Teilhabe an der Macht strebenden Zünften
erschüttert.
Der Rat besteht seit Beginn des 14. Jahrhunderts aus drei Bänken, von
denen die Schöffen und die „Gemeinde“ die ersten beiden und
die ratsfähigen,
also keineswegs alle Zünfte die dritte Bank besetzen. Da jedoch Schöffen
und „Gemeinde“ fast vollständig von wenigen untereinander versippten
Patrizierfamilien gestellt werden, haben die Zünfte nur geringen Einfluss.
Der Rat ergänzt
sich bei Tod oder Ausscheiden eines seiner Mitglieder durch Kooptation, d.h.
die Wahl neuer Ratsherren wird durch ihn selbst vorgenommen.
Nach anfänglichen Erfolgen unterliegen die Zünfte schließlich
einer Koalition aus Teilen des Patriziats und der Reichsgewalt. 1366 setzt Karl
IV. alle zuvor erfolgten Verfassungsänderungen außer Kraft und restituiert
den Rat in seiner alten Zusammensetzung. Die Zünfte spielen damit auch weiterhin
in der Politik der Stadt nur eine untergeordnete Rolle.
1405 erwirbt der Rat das Haus „Zum Römer“ und baut es mit dem angrenzenden
Haus „Zum goldenen Schwan“ zum Rathaus um. Nach einem Entwurf von Madern Gertener
beginnt man 1415 mit dem Bau des Domturms.
Von 1461 bis 1465 errichtet die Stadt am Wollgraben vor der Staufenmauer ein
abgeschlossenes Ghetto, in das die Frankfurter Juden auf Drängen der Kirche
und auf Befehl Kaiser Friedrichs III. umgesiedelt werden. Das Verhältnis
zwischen der Stadt und den Juden wird in sogenannten Stättigkeiten geregelt.
Die Juden sind von nun an verpflichtet, außerhalb des Ghettos ein besonderes
Abzeichen, den Judenring, zu tragen.
Im Haus Braunfels findet 1495 die konstituierende Sitzung des Reichskammergerichts
statt. Das Gericht wird jedoch in Frankfurt aufgrund von Widerständen im
Rat nicht sesshaft und läßt sich nach mehreren Umzügen schließlich
in Wetzlar nieder.
Der schwäbische Maler Jörg Ratgeb (um 1480, hingerichtet 1526) beginnt
1514 mit der Ausmalung des Karmeliterklosters. Auf einer Länge von 107
m (größter
Wandgemäldezyklus nördlich der Alpen) stellt er im Kreuzgang die christliche
Heilsgeschichte und die Parallelen im Alten Testament dar. Im Anschluss daran
malt er das Refektorium des Klosters aus. Diese Wandmalereien und andere Kunstwerke
werden durch Stiftungen reicher Frankfurter Bürger ermöglicht.
Seit 1520 gewinnt die Reformation zunehmend Anhänger in der Stadt. 1521 übernachtet
Martin Luther auf dem Weg zum Reichstag in Worms und auf der Rückreise zweimal
in Frankfurt. Spätestens 1523 wird die Reformation zur Massenbewegung.
Da der Rat sich auf Druck des Mainzer Erzbischofs und aus Furcht vor einem Verlust
des Messeprivilegs trotz aller Sympathien für die neue Lehre für deren
Eindämmung einsetzt, kommt es 1525 zu einem religiös, sozial und politisch
motivierten Aufstand der Zünfte. Der Aufstand richtet sich nicht nur gegen
den altgläubigen Klerus, sondern auch gegen das patrizische Stadtregiment.
Ihre Forderungen legen die Aufständischen in 46 Artikeln nieder, die vom
Rat zunächst auch anerkannt werden. Nach der Niederschlagung der Bauernkriegsbewegung
müssen die 46 Artikel allerdings zurückgenommen und die alten Herrschaftsverhältnisse
wiederhergestellt werden. Zur Beruhigung der Lage stellt die Stadt jedoch zwei
evangelische Prädikanten ein.
Nach längerem Lavieren führt der Rat 1533 nach einer Bürgerbefragung
offiziell die Reformation ein und verbietet alle altkirchlichen Zeremonien. Um
dem Druck seiner katholischen Gegner standhalten zu können, tritt Frankfurt
1536 dem Schmalkaldischen Bund bei. Nach dessen Niederlage wechselt es 1546/47
dann jedoch wieder ins kaiserliche Lager über. Die Bartholomäuskirche
(Dom) muss an den katholischen Klerus zurückgegeben werden. 1552 hält
die Stadt einer Belagerung der gegen den Kaiser verbündeten Fürsten
stand.
Ein wichtiges Ergebnis der Reformation ist die 1531 erfolgte Gründung des Almosenkastens, der als städtische Fürsorgeeinrichtung
Aufgaben übernimmt, die vorher von den katholischen Orden wahrgenommen wurden.
Die im Herbst 1548 vollzogene Restitution der katholischen Riten macht Frankfurt
auf Dauer zu einer gemischtkonfessionellen Stadt. Dieser Zustand wird 1555 durch
den Augsburger Religionsfrieden reichsrechtlich fixiert. Damit bietet sich die
Stadt auch als Zufluchtsort für Glaubensflüchtlinge an. Bereits 1554
treffen reformierte Niederländer in Frankfurt ein. Sie bilden bald ein Fünftel
der Bevölkerung und prägen entscheidend die Wirtschaft.
Die Glaubensflüchtlinge werden zunächst relativ großzügig
aufgenommen. Im 17. Jahrhundert zeigen sich jedoch deutliche Abschottungstendenzen.
Bereits 1595 wird jeglicher französisch-reformierter Gottesdienst in der
Stadt verboten. Seit 1628 verwehrt der Rat den Kalvinisten den Zugang zum Bürgerrecht.
1562 wird Maximilian II. als erster Kaiser in Frankfurt nicht nur gewählt,
sondern auch gekrönt. Bis zum Ende des Alten Reichs bleibt Frankfurt fortan
die bevorzugte Krönungsstadt (insgesamt zehn Krönungen bis 1792).
Die durch den Schmalkaldischen Krieg und die weiteren Auseinandersetzungen zwischen
den katholischen und den evangelischen Reichsständen verursachten Kosten
zwingen Frankfurt seit 1546 zu einer immer höheren Kreditaufnahme. 1548
belaufen sich die Schulden der Stadt auf über 180.000 Gulden. Weitere Kreditaufnahmen
und eine ruinöse Fehlspekulation beim Mansfelder Kupferhandel lassen die
Schulden bis 1575 auf eine Million Gulden steigen. Bei durchschnittlichen jährlichen
Einnahmen von etwa 50.000 Gulden muß die Stadt, die zu dieser Zeit rund
12.000 Einwohner hat, jährlich 44.600 Gulden allein an Zinsen aufbringen.
Die infolge der hohen Verschuldung ständig wachsende Steuerlast, die besonders
die ärmere Bevölkerung zu tragen hat, und der durch die zugewanderten
Niederländer erzeugte Konkurrenzdruck verstärken die wirtschaftlichen
und sozialen Spannnungen in der Stadt. Ein Aufruhr, der nach dem Lebküchler
Vincenz Fettmilch benannte „Fettmilch-Aufstand“, der sich gegen den selbstherrlich
regierenden Rat, die „Welschen“ und die Juden richtet, kann 1613 zunächst
mit einem Bürgervertrag eingedämmt werden, entflammt jedoch 1614 erneut.
Wenn der Aufstand letztlich auch infolge des Eingreifens kaiserlicher Truppen scheitert, so schränkt er doch die Herrschaft der altpatrizischen
Familien im Rat ein. Seit 1614 gehören auch Vertreter der Kaufmannschaft sowie Juristen und Ärzte in größerer Zahl der Stadtregierung
an. Die Zünfte allerdings werden weitgehend entmachtet und der Oberaufsicht des Rats unterstellt. Fettmilch und sechs seiner Mitverschwörer
werden 1616 auf dem Roßmarkt vor der versammelten Bürgerschaft enthauptet. Die Köpfe werden zur Abschreckung am Brückenturm
auf eiserne Spitzen gesteckt und sind dort noch in der Goethezeit zu sehen.
Hauptleidtragende des Aufstands sind wieder einmal die Juden. Die Judengasse
wird 1614 geplündert und verwüstet. Die 1380 Juden müssen die
Stadt verlassen, kehren jedoch 1616 auf kaiserlichen Befehl wieder zurück.
Eine neue Judenstättigkeit wird erlassen, in der die Zahl der jüdischen
Haushalte im Ghetto auf 500 und die Zahl der jährlichen Heiraten auf zwölf
beschränkt wird.
© Helmut Nordmeyer
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