Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Stadtchronik: Die Reichsstadt 1219-1806 (3)

Die Reichstadt 1219-1806 (3)

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) wirkt sich zunächst kaum auf Frankfurt aus. Mit seiner lavierenden Politik gelingt es dem lutherischen, aber gleichwohl kaisertreu eingestellten Rat die Stadt aus allen Wirren weitgehend herauszuhalten. Erst 1631 sieht sich Frankfurt erstmals mit durchziehenden schwedischen Truppen konfrontiert. König Gustav Adolf hält sich 1631/32 kurz in der Stadt auf und schenkt ihr die Güter der katholischen Geistlichkeit.

Einzug Gustav Adolfs
Einzug Gustav Adolfs von Schweden in Frankfurt, 1631
Kupferstich von Matthäus Merian d.Ä.

1635 gerät Frankfurt dann in das Kreuzfeuer kaiserlicher und schwedischer Truppen. Gleichzeitig breiten sich zwischen 1634 und 1636 Seuchen aus. Allein 1636 sterben in der Stadt rund 7.000 Menschen an der Pest, davon die meisten allerdings hier einquartierte Soldaten und Flüchtlinge aus dem Umland. Die Gesamtzahl der Einwohner geht von über 20.000 zu Beginn des Kriegs auf etwa 17.000 im Jahre 1655 zurück. Doch schon um 1700 leben wieder rund 32.000 Menschen in der Stadt.

Stadtplan von M. Seutter
Frankfurt am Main. Stadtlan von Matthäus Seutter
Kolorierter Kupferstich, vor 1730

Das Geistesleben dieser Zeit wird in hohem Maße von der humanistischen Bildung der Oberschicht und der allgemein tiefen Frömmigkeit bestimmt. Buchdruck und -handel, die in Frankfurt ein Zentrum haben, tragen zur Verdichtung der bürgerlichen Stadtkultur bei. Obgleich Frankfurt auf kulturellem und religiösem Gebiet hinter Städten wie Straßburg, Augsburg, Nürnberg und Marburg zurücksteht, werden die neuen geistigen Strömungen auch hier registriert und rezipiert. Mit dem Elsässer Philipp Jakob Spener, der von 1666 bis 1686 als Senior des Predigerministeriums in der Stadt tätig ist, sind die Anfänge des Pietismus verbunden. Im Bereich des Buch- und Kunstdrucks macht sich Matthäus Merian einen Namen, der 1624 von Basel nach Frankfurt übersiedelt. Er erhält 1626 das Frankfurter Bürgerrecht. 1712 stellt die Stadt Georg Philipp Telemann als städtischen Musikdirektor und Kapellmeister an der Barfüßerkirche, später auch als Kapellmeister an der Katharinenkirche an, die 1678/81 als Repräsentationsbau der lutherischen Frankfurter Bürgerschaft entstanden ist.

Frankfurt im 17. Jahrhundert
Frankfurt im 17. Jahrhundert, Kupferstich nach Matthäus Merian d.Ä.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnet sich ein neuer Konflikt zwischen dem Rat und Teilen der Bürgerschaft ab, der schließlich von 1708 bis 1732 in einem Verfassungstreit „Frankfurt gegen Frankfurt“ vor dem Kaiser ausgetragen wird. Erneut geht es um eine größere Teilhabe der von der politischen Verantwortung weitgehend ausgeschlossenen Handwerker und kleinen Kaufleute an der Stadtregierung. Gegenstand des Protests sind die Mißwirtschaft des Rats, die hohe Verschuldung der Stadt, die wirtschaftliche Bevorzugung der Juden und die willkürliche Erhöhung von Steuern und Abgaben sowie allgemein die Mißachtung des Bürgervertrags von 1613. Eine von Karl VI. eingesetzte Kommision kommt zu für den Rat vernichtenden Ergebnissen. Zahlreiche kaiserliche Dekrete und Resolutionen tragen dem Begehren der Frankfurter Bürgerschaft Rechnung und leiten eine Verwaltungsreform ein. Dem Rat werden bürgerliche Kontrollausschüsse an die Seite gestellt, die insbesondere die städtische Finanzpolitik überwachen sollen. An den grundsätzlichen Machtverhältnissen in der Stadt ändern die Reformen jedoch nichts. Die maßgebenden politischen Entscheidungen fallen nach wie vor im Rat, in dem auch weiterhin wenige vornehme Familien dominieren.

1676 wird Don Domenico de Brentano di Tremezzo Frankfurter Bürger und gründet eine Handelsgesellschaft. Fürst Anselm Franz von Thurn und Taxis verlegt 1724 die Hauptverwaltung der Post von Brüssel nach Frankfurt in die Große Eschenheimer Straße, wo er ein barockes Palais erbaut. Im Haus „Zur Hinterpfann“ in der Judengasse wird 1744 Meyer Amschel Rothschild geboren, der Begründer des Bankhauses. 1748 gründen Johann Philipp Bethmann und sein Bruder Simon Moritz Bethmann das Handelsgeschäft Gebrüder Bethmann, das rasch zu einem bedeutenden Bankhaus anwächst.

Während Bank- und Handelshäuser in der Stadt Fuß fassen können, steht der Rat der Ansiedlung von Fabriken und größeren Gewerbebetrieben ablehnend gegenüber. Die Schnupftabakfabrikanten Bolongaro und Crevenna ziehen es daher 1771 vor, ein Angebot des Mainzer Erzbischofs anzunehmen und sich in Höchst niederzulassen. Dort errichten sie 1772/74 den Bolongaropalast, eine barocke Dreiflügelanlage mit mainseitiger Gartenterrasse.

Zu den verheerenden Ereignissen des 18. Jahrhunderts zählen Brände und Epidemien. 1711 vernichtet ein Feuer sämtliche Häuser der Judengasse. Bei einem weiteren Brand werden dort 1721 erneut 110 Häuser zerstört. 1719 brennen in dem Areal zwischen Fahr- und Töngesgasse beim großen „Christenbrand“ rund 400 Häuser nieder. 1709 und 1713 wird die Stadt von der Pest heimgesucht. 1728/33 und 1781/82 fordern Grippeepidemien zahlreiche Opfer. Eine schwere Belastungsprobe stellen auch der Siebenjährige Krieg (1756-1763) und die damit verbundene Besetzung der Stadt durch die Franzosen dar.

Nach den Bränden entstehen in der Stadt hunderte von Neubauten. Diese tragen nicht nur dem Brandschutz Rechnung, sondern auch dem veränderten Zeitgeschmack. Durch zusätzliche Umbauten erhält Frankfurt bis zum Ende des Jahrhunderts ein zwar nicht gänzlich neues, aber doch stark verändertes Gesicht. Dabei verdankt die Stadt den französischen Besatzern die Einführung von Hausnummern und der Straßenbeleuchtung sowie eine Verbesserung der Straßenpflasterung.

Auch der kaiserliche Rat Johann Caspar Goethe läßt sein Haus im Großen Hirschgraben in dieser Zeit umbauen. Am 28. August 1749 mittags 12 Uhr wird ihm und seiner Ehefrau Catharina Elisabeth geb. Textor ein Sohn Wolfgang geboren. Seine Kindheit in Frankfurt und die Erfahrungen mit der französischen Besetzung beschreibt Goethe Jahrzehnte später in „Dichtung und Wahrheit“. Die 1772 auf dem Roßmarkt mit dem Schwert hingerichtete Kindsmörderin Susanne Margarethe Brand wird zum Vorbild für das Gretchen im „Faust“.

Ein wachsender Bürgersinn läßt seit der Mitte des 18. Jahrhunderts ein ausgeprägtes Mäzenantentum entstehen. 1763 stiftet der Arzt Johann Christian Senckenberg sein Vermögen für naturwissenschaftlich-medizinische Institute und ein Bürgerhospital. Zu den Neuerungen der Zeit gehören auch bahnbrechende Erfindungen. 1781 wird auf der nach einem Brand neu erbauten Kirche in Bornheim erstmals in Frankfurt der von Franklin erfundene Blitzableiter angebracht. 1785 steigt der französische Luftfahrtpionier Jean-Pierre Blanchard von der Bornheimer Heide mit einem Freiluftballon auf.

Zu den großen gesellschaftlichen Ereignissen des Jahrhunderts zählen die fünf Kaiser- bzw. Königswahlen von 1711, 1742, 1745, 1764 und 1790 und die anschließenden Krönungsfeierlichkeiten. Infolge der Wirren des Österreichischen Erbfolgekriegs wird Frankfurt von 1742 an unter dem Wittelsbacher Kaiser Karl VII. für drei Jahre zur Residenz- und faktischen Reichshauptstadt.

Kaiserkrönung Franz I.
Kaiserkrönung Franz I. am 4. Oktober 1745.
Kupferstich von J.G. Funck und C.W. Mayr

Im Juli 1792 wird Franz II. als letzter römisch-deutscher Kaiser in Frankfurt gewählt und gekrönt, bevor die Stadt von Oktober bis Dezember von französischen Revolutionstruppen besetzt wird. Weitere französische Besetzungen folgen 1796, 1800 und 1806.

Mit der Errichtung des Rheinbundes unter dem Protektorat Napoleons und dem Verzicht Kaiser Franz II. auf die Kaiserkrone endet 1806 das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Frankfurt verliert seinen Status als Reichs-, Wahl- und Krönungsstadt. Zuvor sind der Stadt im Reichsdeputationshauptschluss 1803 die Frankfurter Stifte und Klöster mit sämtlichen Besitzungen zugesprochen worden. Die nutzlos gewordenen, teilweise verfallenen Festungswerke werden geschleift; an ihrer Stelle entstehen die Wallanlagen.

Am Ende seiner Zeit als Reichsstadt zählt Frankfurt etwa 35.000 Einwohner. Von diesen besitzt etwa ein Viertel das Bürgerrecht und hat somit (zumindest theoretisch) Zugang zu den städtischen Ämtern. Die übrigen, die sogenannten Beisassen, sind politisch unmündig. Gleiches gilt für die etwa 6.000 Einwohner der zu Frankfurt gehörenden Dörfer. Auch die rund 3.000 Juden stehen außerhalb der Bürgergemeinde; der Ghettozwang ist nach wie vor in Kraft.

© Helmut Nordmeyer

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