Dalbergzeit und Freie Stadt 1806-1866
Im Rheinbundvertrag von 1806 wird Frankfurt mit Aschaffenburg, Regensburg,
Wetzlar und einigen anderen Gebieten dem letzten Mainzer Erzbischof Karl
von Dalberg als Fürstentum zugesprochen und 1810 zum Großherzogtum
erhoben.
Dalberg erweist sich als ein aufgeklärt-fortschrittlicher Herrscher,
der die Stadt mit Hilfe einer fürstlichen Behörde, der Generalkommission,
regiert. Die neu geschaffenen Bürgerkollegien und die von der gesamten Bürgerschaft
1807 in geheimer Wahl gewählten 28 Bürgerrepräsentanten haben
letztlich ebensowenig Einfluss wie der anstelle des reichsstädtischen
Rats eingesetzte Senat und die nun auf Lebenszeit ernannten beiden Bürgermeister.
1811/12 führt Dalberg nicht nur den Code Napoléon, sondern auch
das französische Strafgesetzbuch ein. Nach der Proklamation der Gleichberechtigung
aller Untertanen werden den Frankfurter Juden gegen Zahlung einer Ablösesumme
von 440.000 Gulden die bürgerlichen Rechte zugesprochen.
Aufgrund von Vorschlägen der Börsenvorsteher wird 1808 die Handelskammer
nach französichen Vorbild errichtet, um Handwerk und Handel zu fördern.
Eine Reform der städtischen Verwaltung und des Schul- und Bildungswesens
schließt sich an. Dalberg richtet staatliche Volksschulen ein und gründet
1812 eine Universität, die jedoch schon nach einem Jahr wieder geschlossen
wird. Desweiteren schafft er Leibeigenschaft und Frondienste ab und stellt die
christlichen Konfessionen einander gleich.
Im Oktober 1813 übernachtet Napoleon nach seiner Niederlage in der Völkerschlacht
bei Leipzig im Landhaus der Familie Bethmann. Der Freiherr vom Stein verlegt
das Zentralverwaltungsdepartement für die ehemals französisch besetzten
Gebiete nach Frankfurt. Das Großherzogtum Frankfurt wird aufgelöst
und provisorisch die alte reichsstädtische Verfassung wieder eingeführt.
1815 wird Frankfurt gemäß den Beschlüssen des Wiener Kongresses
Freie Stadt und Sitz der Deutschen Bundesversammlung. Ein Jahr später beschwören
die Frankfurter ihre neue, freistädtische Verfassung, die Konstitutionsergänzungsakte.
Diese stellt weitgehend eine Modifikation der reichsstädtischen Verfassung
dar und nimmt die meisten der Dalbergschen Reformen zurück. Die Vorrechte
der alten Geschlechter werden zwar abgeschafft, letztlich aber die patrizische
Oligarchie nur durch eine plutokratische ersetzt. Das Bürgerrecht ist jetzt
an einen Vermögensnachweis von 5.000 Gulden gebunden, den jedoch kaum die
Hälfte der 40.000 Einwohner erbringen kann. Auch die Juden werden vom Bürgerrecht
wieder ausgeschlossen.
Trotz des politischen Rückschritts erlebt Frankfurt in den folgenden Jahrzehnten
gesellschaftlich gesehen eine ausgesprochene Blüte. Die permanente Anwesenheit
der Bundesversammlung bringt der Stadt nicht nur Glanz, sondern beeinflußt
auch deren sozialen Organismus. Bundestagsdiplomatie und städtische Oberschicht
verschmelzen zu einer homogenen Gesellschaft mit aufwendigem Repräsentationsbedürfnis.
Verknüpft mit einem großzügigen Mäzenatentum führt
dies zur Entstehung wichtiger kultureller und sozialer Einrichtungen.
1816 wird die Polytechnische Gesellschaft gegründet. Der Kaufmann
und Bankier Johann Friedrich Städel verfügt testamentarisch,
seine Kunstsammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen
und ein Kunstinstitut zu gründen. Ein Jahr später werden
ein Naturkundemuseum und die nach dem Arzt und Stifter Johann Christian
Senckenberg benannte Naturforschende Gesellschaft eingerichtet.
Auf Anregung Friedrich Fröbels stiften Frankfurter Bankiersfamilien um
1840 die ersten Kindergärten zur Förderung der vorschulischen Erziehung.
1845 hinterlässt Dr. Theobald Christ 150.000 Gulden für die Gründung
eines Kinderhospitals. Otto Volger, Dozent für Geologie und Mineralogie
an der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft, gründet 1859 das
Freie Deutsche Hochstift als freie Akademie zur Pflege von Wissenschaft und Kunst.
Einfluss auf das Geistesleben der Zeit üben auch bedeutende Gelehrte
wie Johann Friedrich Böhmer aus, seit 1825 Stadtarchivar und seit 1830 Stadtbibliothekar,
dessen Urkundenbuch der Stadt Frankfurt 1836 erscheint. Der Philosoph Arthur
Schopenhauer, der vor der Cholera-Epidemie in Berlin geflohen war, entscheidet
sich 1831 für eine Übersiedlung nach Frankfurt. Er lebt hier bis zu
seinem Tode 1860 und wird auf dem Hauptfriedhof begraben. 1844 schreibt und zeichnet
der Arzt Dr. med. Heinrich Hoffmann für seinen Sohn das Kinderbuch „Der
Struwwelpeter“.
Die wirtschaftliche Entwicklung Frankfurts wird stark von seiner geographischen
Insellage bestimmt. Die Gründung des Preußisch-Deutschen Zollvereins
hat eine starke Beeinträchtigung des Handels zur Folge. Um einer völligen
Einschnürung durch Preußen zu entgehen, schließt sich die Stadt
1836 nach längerem Zögern dem Zollverein an. Die gewerbliche und industrielle
Entwicklung, die im übrigen Deutschland zu dieser Zeit verstärkt in
Gang kommt, läuft an Frankfurt wegen dessen restriktiver Gewerbepolitik
vorbei. 1841 weicht der Frankfurter Otto Naumann aufgrund des Einspruches der
Seifensieder mit seiner Seifenfabrik nach Offenbach aus. Erst 1864 führt
der Senat neben der staatsbürgerlichen Gleichstellung der Juden auch die
Gewerbefreiheit ein.
Eine wichtigere Rolle als Handel und Gewerbe spielt jedoch das Bankwesen. Frankfurt
steigt in freistädtischer Zeit zum führenden europäischen Finanzplatz
auf. Die Söhne des 1812 gestorbenen Meyer Amschel Rothschild gründen
Filialen in London, Paris, Wien und Neapel. In Frankfurt konkurriert die Familie
mit dem Bankhaus Bethmann um die Vorrangstellung. 1854 entsteht mit der Frankfurter
Bank die erste Gesellschaftsbank; es folgen die Frankfurter Hypothekenbank 1862,
die Bank für Handel und Industrie 1863 und die Frankfurter Vereinkasse 1864.
Die einflussreichen Frankfurter Bankiers sind es auch, die neue technische
Entwicklungen fördern und vorantreiben, insbesondere den Bau von Eisenbahnen.
1839 wird als erste Eisenbahn des Rhein-Main-Gebiets das Teilstück der Taunusbahn
von Frankfurt nach Höchst eröffnet. 1846 folgt die Main-Neckar-Bahn,
1848 die Bahn Hanau-Würzburg und 1850 die Main-Weser-Bahn. Die Bahnhöfe
liegen im Bereich von Taunus- und Gallusanlage.
Im Hörsaal des Physikalischen Vereins stellt der Friedrichsdorfer Lehrer
Philipp Reis 1861 erstmals öffentlich sein Telefon vor.
Leopold Sonnemann begründet 1856 die Geschäftsberichte, aus denen bald
die Frankfurter Handelszeitung und 1859 die Frankfurter Zeitung hervorgeht, die
bedeutende liberale Tageszeitung.
Die durch die Konstitutionsergänzungsakte festgeschriebene politische Benachteiligung
großer Teile der Bevölkerung ist Ursache dauernder Spannungen und
wiederkehrender Unruhen. 1833 versuchen einige freiheitlich gesinnte Studenten
und vor den Russen geflohene Polen mit einem Sturm auf die Wachen eine allgemeine
Erhebung gegen die bestehende Ordnung zu entfachen. Die innenpolitischen Spannungen
werden überlagert von den Entwicklungen und Spannungen auf bundespolitischer
Ebene.
Vom 31. März bis 3. April 1848 tritt in Frankfurt ein Vorparlament
zusammen, um Grundlagen einer deutschen Parlamentsverfassung zu beraten.
Am 18. Mai ziehen Abgeordnete aus ganz Deutschland in die Paulskirche
zur Nationalversammlung ein, zum ersten gewählten gesamtdeutschen
Parlament, um Deutschland im freiheitlich-demokratischen und nationalen
Sinne zu ordnen. Die Nationalversammlung scheitert jedoch. Achtzehn
Jahre später kommt es zu einer anderen Lösung der deutschen
Frage.

Annexion Frankfurts durch Preußen, Preußische Truppen auf dem
Roßmarkt.
1866 besiegt Preußen Österreich in der Schlacht bei Königgrätz. Österreich
stimmt daraufhin der Auflösung des Deutschen Bundes zu. Die
Preußen marschieren am 18. Juli in Frankfurt ein, das sich
in dem Konflikt auf die Seite Österreichs gestellt hatte. Frankfurt
wird dem preußischen Staat einverleibt und muß eine hohe
Kontribution zahlen. Karl Konstanz Viktor Fellner, der letzte Bürgermeister
der Freien Stadt, begeht Selbstmord.
© Helmut Nordmeyer
You want to read this page in English?
Please!
Diesen Artikel können Sie auch als pdf-Datei im download erhalten:
chronik_4.pdf
You can download an English copy of this article as a pdf-file:
chronik_4_e.pdf