Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Stadtchronik: Die Entwicklung zur modernen Großstadt 1866-1945 (1)

Die Entwicklung zur modernen Großstadt 1866-1945 (1)

Mit dem Gemeindeverfassungsgesetz vom 25. März und der Einführung der Preußischen Verfassung am 1. Oktober 1867 wird das politische Leben in Frankfurt neu geordnet. Der ehemals souveräne Stadtstaat ist nun fest in den preußischen Staat eingebunden. An der Spitze der Stadt stehen zwei Bürgermeister, die jeweils von der Stadtverordnetenversammlung gewählt und vom König bestätigt werden müssen. Nach außen wird die Stadt durch Magistrat und Stadtverordnetenversammlung vertreten. Die von der Stadt erlassenen Gesetze und Verordnungen müssen in Einklang mit den staatlichen Gesetzen stehen. Die Aufgaben der Polizei sind einem staatlichen Polizeipräsidenten und seiner Behörde unterstellt.

Eine Besonderheit stellt das Frankfurter Wahlrecht dar. An Stelle des preußischen Dreiklassenwahlrechts erhält die Stadt ein Zensuswahlrecht, ähnlich wie es in freistädtischer Zeit gebräuchlich war. Wahlberechtigt sind nur Frankfurter Bürger. Und um Bürger zu sein, muß man über die preußische Staatsangehörigkeit verfügen, volljährig, rechtsfähig und im Besitz eines eigenen Hausstands sein und entweder ein Wohnhaus in der Stadt besitzen oder ein stehendes Gewerbe mit wenigstens zwei Gehilfen betreiben oder aber ein Jahreseinkommen von mindestens 700 Gulden bzw. 1200 Mark beziehen. Aufgrund dieser Bestimmungen bleibt der Bevölkerungsmehrheit bis zum Ende des Kaiserreichs die Teilhabe an politischen Entscheidungen verwehrt.

Frankfurter Friede
Frankfurter Friede 1871

Der Frankfurter Friede, der am 10. Mai 1871 im Hotel „Zum Schwan“ zwischen Bismarck und dem französischen Außenminister Jules Favre geschlossen wird, beendet den deutsch-französischen Krieg. Bismarck verleiht der Hoffnung Ausdruck, daß der Friede in Frankfurt auch ein Friede mit Frankfurt sein werde. Oberbürgermeister Johann Heinrich Daniel Mumm startet ein großzügiges Modernisierungsprogramm mit vielen repräsentativen Bauten.

Auch in der Kaiserzeit beweisen Frankfurter Bürger immer wieder Gemeinsinn. 1874 hinterläßt Dr. Joseph Hoch testamentarisch eine Million Mark für die Errichtung eines Konservatoriums zur „Förderung der Musik„. Nach dem Tod Robert Schumanns nimmt seine Witwe Clara einen Lehrauftrag am Hoch'schen Konservatorium an. Bis zu ihrem Tod 1891 lebt und wirkt sie in Frankfurt. Hannah Louise von Rothschild gründet zum Gedächtnis an ihren Vater, Mayer Carl von Rothschild, 1887 eine nach diesem benannte öffentliche Bibliothek.

1880 wird Johannes Miquel Oberbürgermeister. In Gegenwart Kaiser Wilhelms I. wird am 20. Oktober mit Mozarts „Don Giovanni“ das Frankfurter Opernhaus eröffnet. Während der Amtszeit von Miquel kommt es zur Fertigstellung wichtiger Großprojekte. 1886 kann der neue Frankfurter Hafen (Westhafen) eingeweiht werden. Gleichzeitig wird die Mainkanalisierung mit der Fertigstellung von fünf Schleusen von Mainz bis Frankfurt weiter vorangetrieben. 1888 folgt die Einweihung des Hauptbahnhofs mit 18 Gleisen in drei Hallen. Die alten Bahnhöfe an der Taunusanlage werden abgerissen.

HauptbahnhofFrankfurter Hauptbahnhof
Zeichnung nach einem Ballonfoto, 1891

Miquel wird 1890 zum preußischen Finanzminister berufen. Der neue Oberbürgermeister Franz Adickes gestaltet Frankfurt zu einer eleganten Metropole mit internationalem Ruf. Durch Eingemeindungen umliegender Ortschaften dehnt sich das Stadtgebiet aus, Wohn- und Industriegebiete, aber auch Grünzüge und Volksparks, ebenso großzügige Ring- und Radialstraßen entstehen. Im Osten der Stadt wird ein weiterer Hafen (Osthafen) gebaut, der 1912 eingeweiht werden kann. Die Bevölkerung verfünffacht sich innerhalb weniger Jahrzehnte. 1867 zählt die Stadt rund 78.000, bei Beginn des Ersten Weltkrieges rund 437.000 Einwohner.

Scherzpostkarte Eingemeindungen
Scherzpostkarte zu den Eingemeindungen 1900

Getragen vom allgemeinen Aufschwung der Gründerjahre erlebt Frankfurt eine Blütezeit mit zahlreichen Ausstellungen und Großveranstaltungen wie der Internationalen Kochkunstausstellung 1894, dem 2. und 3. Deutschen Sängerwettbewerb 1903 und 1909, dem 11. Deutschen Turnfest 1908 und dem 17. Deutschen Bundesschießen 1912. (Auf die großen technischen Ausstellungen dieser Zeit ist bereits an anderer Stelle hingewiesen worden).

Einweihung Osthafen
Einweihung des Osthafens 1912

Nach Einführung der Gewerbefreiheit kommt seit 1864 auch die Industrialisierung zunehmend in Gang. Die 1880 von Heinrich Kleyer gegründeten Adlerwerke entwickeln sich schnell zu einem der führenden Fahrrad-, Schreibmaschinen- und Autohersteller. 1914 ist jedes fünfte Auto auf deutschen Straßen ein Adler. 1881 wird die Privatfirma Philipp Abraham Cohen unter der Leitung von Wilhelm Merton unter dem Namen Metallgesellschaft in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Firma Leopold Cassella & Comp. und die Frankfurter Anilinfarbenfabrik werden 1894 zur Farbwerke Cassella Mainkur zusammengelegt, die von Leo Gans, Arthur und Carl von Weinberg zu Weltgeltung geführt wird.

Auch auf kulturellem und wissenschaftlichen Gebiet kann sich Frankfurt sehen lassen. 1901 findet die feierliche Eröffnung der Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften statt, die von der Stadt Frankfurt und dem Institut für Gemeinwohl unter Beteiligung der Handelskammer und der Polytechnischen Gesellschaft gegründet wurde. 1907 entdeckt Paul Ehrlich, seit 1899 Leiter des neugeschaffenen Instituts für Serumforschung und experimentelle Therapie, das Chemotherapeutikum Salvarsan. Er erhält dafür den Nobelpreis. 1910 geht das Mittel in die Produktion. Am 18. Oktober 1914 schließlich wird die Frankfurter Universität eröffnet, durch das Engagement des Oberbürgermeisters Franz Adickes gefügt aus alten und neuen Stiftungen und Institutionen als Höhepunkt der großen Frankfurter Stiftungstradition und als erste Stiftungsuniversität Deutschlands. Seit 1932 trägt sie den Namen Johann Wolfgang Goethe-Universität.

Im Ersten Weltkrieg ist Frankfurt 1917 Ziel von elf Fliegerangriffen mit 109 Bombenabwürfen, bei denen 21 Menschen sterben und 49 verletzt werden. Die Bevölkerung leidet insbesondere in den letzten beiden Kriegsjahren unter Lebensmittel- und Brennstoffknappheit.

© Helmut Nordmeyer

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