Die Entwicklung zur modernen Großstadt 1866-1945 (2)
In den unruhigen Novembertagen 1918 konstituiert sich in der Stadt
ein Arbeiter- und Soldatenrat, der das politische Geschehen über
ein Jahr lang mitbestimmt. Er beschränkt sich bei der Ausübung
seiner Kontrollrechte jedoch auf die Entsendung von Beobachtern
in die Sitzungen der städtischen Kollegien und fungiert so
als eine Art subsidiärer Notverwaltung. Nach Unruhen, bei
denen es im März 1919 sogar zu Toten kommt, wird der Arbeiterrat
seit September 1919 durch Beiziehung von Regierungstruppen militärisch
und politisch entmachtet.
Karikatur von Lino Salini, 1928
Vom 6. April bis zum 17. Mai 1920 wird Frankfurt infolge von Aufständen
im Ruhrgebiet als militärisches Faustpfand von französischen Truppen
besetzt. Die unsichere politische und wirtschaftliche Lage, insbesondere auch
die immer rascher voranschreitende Inflation fördern die politische Radikalisierung.
Als Gegenpol zu den Linksextremisten formieren sich auch in Frankfurt rechtsradikale
und völkische Gruppierungen. Die SPD, die 1919 zusammen mit der USPD noch
rund 50% der Wählerstimmen auf sich vereinigen kann, verliert von Wahl zu
Wahl an Stimmen. Links von den bürgerlichen Parteien gibt es in den Zwanziger
Jahren in Frankfurt keine Mehrheit.
Mit der Einführung der Rentenmark und
dem Ende der Inflation beginnt ab Anfang 1924 ein Phase der wirtschaftlichen
Stabilisierung. Die Wahl von Ludwig Landmann zum Oberbürgermeister leitet
am 2. Oktober 1924 eine neue, wenn auch kurze Ära ein. 1925 wird der gebürtige
Frankfurter Architekt Ernst May Stadtbaumeister. Er stellt einen Generalbebauungsplan
auf und leitet ein umfangreiches Wohnungsbauprogramm ein. Das Stadion im Stadtwald
(Waldstadion), damals Deutschlands größte Sportstätte, wird
errichtet. Vom 24. bis zum 28. Juli findet dort die erste Arbeiterolympiade
statt. Als erste deutsche Großsiedlung entsteht 1927/29 die Römerstadt,
die als „Frankfurter
Beispiel“ in die Architekturgeschichte eingeht. Seit 1926 erscheint die Zeitschrift „Das
Neue Frankfurt“.
Bereits 1924 nimmt Radio Frankfurt der Südwestdeutschen Rundfunkdienst
A.G. seine Sendungen auf. Im gleichen Jahr gründen Carl Grünberg
und Max Horkheimer das Institut für Sozialforschung (Am Institut wirken
auch Friedrich Pollock und Theodor W. Adorno, Vertreter des sozialkritischen
Kreises der „Frankfurter
Schule“).
Unter dem Vorsitz Ludwig Landmanns wird 1926 der Verein zum Bau der
Autobahn Hamburg-Frankfurt-Basel gegründet. 1927 wird Frankfurt Zentrum
demokratischer Kultur und veranstaltet den „Sommer der Musik“ mit der internationalen
Ausstellung „Musik
im Leben der Völker“. Die Stadt verleiht erstmals den Frankfurter Goethepreis
- an Persönlichkeiten, deren schöpferisches Wirken einer dem Andenken
Goethes gewidmeten Ehrung würdig ist. Von 1925 bis1933 ist Max Beckmann
Professor an der Städelschule.
Mit der Eingemeindung von Höchst
und seinen Stadtteilen sowie weiterer Vororte wird Frankfurt 1928 flächenmäßig
die größte Stadt
Deutschlands. Gleichzeitig baut es seine Stellung als Standort der chemischen
Industrie aus. 1930 bezieht die Verwaltung der IG-Farbenindustrie,
des 1925 erfolgten Zusammenschlusses
deutscher Chemieunternehmen, ihr neues Verwaltungsgebäude.
Die Weltwirtschaftskrise macht sich seit 1929 auch in Frankfurt
bemerkbar. Die renommierte Frankfurter Allgemeine Versicherungs
AG bricht zusammen. Weitere Unternehmen folgen. Anfang 1933 werden
in der Stadt 70.179 Arbeitslose gezählt.
Die Zahl der Einwohner liegt im gleichen Jahr bei 556.000.
Die katastrophale
Wirtschaftslage bringt vor allen den rechtsradikalen Parteien Zulauf. Die
NSDAP wird innerhalb weniger Jahre stärkste Partei in Frankfurt.
Ihr Stimmenanteil bei den Kommunal- und Reichstagswahlen steigt von 1929
bis 1933 von knapp 5% auf 47,9%.
Nach der Kommunalwahl vom 12. März 1933 übernehmen die
Nationalsozialisten die Macht im Römer. Am 1. April erfolgt
der Boykott jüdischer Geschäfte durch SA-Trupps. Auch
die Frankfurter Universität und ihre Institute werden von
NS-Studenten und SA-Männern besetzt. Oberbürgermeister
Landmann, als Jude von den faschistischen Horden besonders bedroht,
flieht nach Berlin und dann nach Holland, wo er im März 1945
stirbt. Neuer Oberbürgermeister wird Landgerichtsrat Dr. Friedrich
Krebs, ein „Alter Kämpfer“ der völkischen Bewegung und
seit 1929 Mitglied der NSDAP. In den folgenden Monaten werden neben
den jüdischen auch zahlreiche andere Mitarbeiter des öffentlichen
Dienstes entlassen. Zu den Entlassenen gehört auch Georg Swarzenski,
seit 1905 Direktor des Städels. Die zeitgenössische Abteilung
der Städtischen Galerie im Städel wird 1938 geschlossen.
Die Werke „entarteter“ Künstler werden beschlagnahmt und im
Ausland versteigert.
Im September 1933 besucht Hitler Frankfurt
und setzt den ersten Spatenstich für
die seit langem geplante Reichsautobahn Hamburg-Frankfurt-Basel. 1935 wird Frankfurt
zur „Stadt des deutschen Handwerks“ erklärt. Anstelle des nicht erweiterungsfähigen
Flugplatzes Rebstock wird 1936 der Rhein-Main-Flughafen angelegt. Trotz eines
großen wirtschaftspolitischen Aktionismus der Nationalsozialisten erholt
sich der Frankfurter Raum nur langsam von den Schäden der Weltwirtschaftkrise.
Die Verfolgung der Juden tritt 1938 in ein neues Stadium. In der
Reichspogromnacht brennen auch in Frankfurt Synagogen. Mit Beginn
des Kriegs verschärfen sich die Repressalien gegen die Juden
weiter. Am 19. Oktober 1941 werden die ersten 1.200 Juden in das
Ghetto von Lodz deportiert. Weitere Transporte folgen. Insgesamt
werden bis 1944 nahezu 10.000 Personen deportiert und in den Konzentrationslagern
ermordet. Mehr als 700 Frankfurter Juden entziehen sich der Deportation
durch Selbstmord.
Die ersten Jahre des Zweiten Weltkriegs übersteht Frankfurt
weitgehend unbeschädigt. Erst seit Oktober 1943 wird die Stadt
zum Ziel von Großangriffen. Die schwersten Luftangriffe erlebt
die Stadt Anfang 1944. Am 18., 22. und 24. März versinken die
historische Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und die Innenstadt
in Schutt und Asche. 90.000 Wohnungen werden zerstört, 1870
Menschen sterben, 180.000 werden obdachlos.
Der Einmarsch amerikanischer Soldaten am 26. März 1945 beendet in Frankfurt
die nationalsozialistische Diktatur und den Zweiten Weltkrieg.
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