Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Stadtchronik: Die Zeitgeschichte 1945-2000 (2)

Die Zeitgeschichte 1945-2000 (2)

Bei der Kommunalwahl 1989 erhalten die CDU 36,6%, die SPD 40,1%, die Grünen 10,1%, die NPD 6,6% und die FDP 4,9% der Stimmen. SPD und Grüne besitzen in der Stadtverordnetenversammlung eine klare Mehrheit und gehen eine Koalition ein. Oberbürgermeister wird Volker Hauff (SPD). Im März 1991 veranlassen parteiinterne Querelen Hauff zum Rücktritt von seinem Amt. Daraufhin wird Andreas von Schoeler zu seinem Nachfolger gewählt. Bei der Kommunalwahl im März 1993 kann die rot-grüne Koalition ihre Mehrheit trotz empfindlicher Verluste der SPD knapp behaupten. Von den abgegebenen Stimmen entfallen auf die SPD 32,0%, die CDU 33,4%, die Grünen 14,0%, die FDP 4,4% und die Republikaner 9,3%. Im Frühjahr 1995 tritt Andreas von Schoeler als Oberbürgermeister zurück, nachdem die Wiederwahl der Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch (Grüne) an vier Abweichlern in der SPD scheitert. Bei der anschließend erstmals durchgeführten Direktwahl für das Oberbürgermeisteramt unterliegt von Schoeler der CDU-Kandidatin Petra Roth, die 51,9% der abgegebenen Stimmen erhält. Bei der Kommunalwahl 1997 setzt sich der Abwärtstrend der SPD fort, während CDU, FDP und Grüne Zugewinne verzeichnen können. Bei der Wahl am 2. März erhalten die CDU 36,3%, die SPD 29,1%, die Grünen 16,9%, die FDP 5,6% und die Republikaner 6,2% der Stimmen. Das Fehlen klarer Mehrheitsverhältnisse führt in der Folgezeit zu wechselnden Koalitionen. Die rot-grüne Koalition wird faktisch beendet, als sich SPD und CDU auf eine politische Plattform einigen, um die Handlungsfähigkeit der Stadt sicherzustellen. Diese Plattform wird Anfang 1999 durch eine Kampagne der hessischen CDU gegen das geplante neue Staatsbürgerschaftsrecht belastet und zerbricht schließlich Anfang 2000 infolge der Schwarzgeld- und Parteispendenaffäre, in die neben der hessischen auch die Frankfurter CDU verwickelt ist. Nach Aufkündigung der Plattform durch die SPD entschließt sich Oberbürgermeisterin Roth zu einer Neuverteilung der Aufgaben unter den einzelnen Dezernaten. Dabei werden einzelnen SPD-Stadträten wichtige Zuständigkeiten entzogen.

Frankfurter Skyline
Frankfurter Skyline, 1994

Seit Beginn der 90er Jahre wird Frankfurt von einer zunehmenden Finanzkrise geschüttelt. Ein vergleichsweise hoher Anteil von Sozialhilfeempfängern an der Gesamtbevölkerung führt zu einem starken Anstieg der Soziallasten bei gleichzeitigem Rückgang des Steueraufkommens. Bei einem Jahresetat von rund sechs Milliarden Mark ist die Stadt 1995 mit Schulden in Höhe von rund acht Milliarden Mark belastet. Beträchtliche Teile des städtischen Haushalts sind durch den Schuldendienst gebunden. Erst mit der Jahrhundertwende beginnt sich die Lage infolge gesunkener Zinsen am Kapitalmarkt und einer allmählichen Zunahme des Steueraufkommens wieder zu entspannen.

Der Zwang zu Sparen macht sich in allen Bereichen des öffentlichen Lebens bemerkbar. Besonders der Kulturbereich ist von den Sparmaßnahmen betroffen. Geplante Großprojekte wie der Neu- bzw. Erweiterungsbau des Völkerkundemuseums können nicht mehr realisiert werden. Kulturdezernentin Linda Reisch, seit 1990 Nachfolgerin Hilmar Hoffmanns, kann die in Zeiten voller Kassen entstandene Kulturpolitik ihres Vorgängers nicht fortsetzen. Die Städtischen Bühnen geraten wegen interner Querelen und wegen Auseinandersetzungen der Intendanten mit dem Magistrat immer wieder in die Schlagzeilen. Gerade für eine zweite Amtszeit gewählt, wird Linda Reisch 1996 die Zuständigkeit für die Städtischen Bühnen entzogen. Wenig später kündigt der von Reisch verpflichtete Opernintendant Sylvain Cambreling seinen Rücktritt zum Ende der Spielzeit 1996/97 an. Mangelnde Unterstützung in der SPD führt 1998 zur Abwahl von Reisch. Ihr Nachfolger wird der Aachener Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff.

Trotz der finanziell angespannten Lage bleibt die Kultur auch in den 90er Jahren ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Lebens in Frankfurt. Im April 1991 kann die 1987 durch einen Brand zerstörte Frankfurter Oper wieder eröffnet werden. Ebenfalls 1991 vollendet Johannes Grützke seinen Bilderzyklus in der Paulskirche. Bei Grabungsarbeiten anlässlich der Renovierung des Doms wird 1992 die Grabstätte eines etwa fünfjährigen Mädchens aus der Merowingerzeit freigelegt. Das Grab macht deutlich, dass es an jener Stelle schon um 700 eine steinerne Kirche gegeben haben muss. Die Renovierungsarbeiten am Dom werden 1994 abgeschlossen. Im gleichen Jahr begeht Frankfurt mit einer großen historischen Ausstellung im Bockenheimer Depot den 1200. Jahrestag seiner erstmaligen Erwähnung. 1997 werden der Neubau der Deutschen Bibliothek an der Adickesallee und der Umbau des Goethemuseums im Großen Hirschgraben fertiggestellt. 1998 findet in der Kunsthalle Schirn unter dem Titel „Aufbruch zur Freiheit“ eine Ausstellung anlässlich des 150. Jahrestags der ersten Deutschen Nationalversammlung in der Paulskirche statt. 1999 gibt der 250. Geburtstag Johann Wolfgang Goethes Anlass für zahlreiche Feierlichkeiten. Im Frühjahr 2000 wird das Städel nach Umbau und Renovierung wieder eröffnet.

Das Stadtbild wird gegen Ende des 20. Jahrhunderts zunehmend von Hochhäusern bestimmt, die sich insbesondere am westlichen Rand der Innenstadt konzentrieren. 1991 wird mit dem 256 Meter hohen Messeturm das damals höchste Bürogebäude Europas fertiggestellt. Weitere Hochhäuser folgen. 1997 kann neben den Zwillingshochhäusern „Kastor und Pollux“ an der Friedrich-Ebert-Anlage auch das Hochhaus der Commerzbank am Kaiserplatz eingeweiht werden. Inklusive seiner Antenne kommt das Commerzbankgebäude auf eine Höhe von fast 300 Metern. An der Neuen Mainzer Gasse entstehen das Japancenter und das Helaba-Hochhaus.

Der Mauerfall und die Wiedervereinigung Deutschlands markieren 1989/90 das Ende des Kalten Krieges. Dem Zerfall der Sowjetunion und des Ostblocks folgt ab 1991 ein Teilabzug der in Europa stationierten US-Streitkräfte. In den kommenden fünf Jahren ziehen auch die meisten der rund 28.000 in Frankfurt stationierten Amerikaner ab. Nach und nach werden die verschiedenen Kasernen und Dienstgebäude geräumt. 1995 können die ersten neuen Mieter in die geräumten amerikanischen Housing Areas einziehen. Ein Jahr später erwirbt das Land Hessen das nach Abzug der Amerikaner leerstehende IG-Farben-Haus, um darin die Universität unterzubringen.

Auf wirtschaftlich-industriellen Gebiet gerät Frankfurt in den 90er Jahren mehrfach in die Schlagzeilen. Anfang 1993 kommt es bei der Hoechst AG zu mehreren Unfällen. Bei einem dieser Unfälle geht eine Chemiewolke über Schwanheim nieder. Das verseuchte Areal muss aufwendig dekontaminiert werden. In den folgenden Jahren wird die Hoechst AG zunächst umstrukturiert und fusioniert dann 1999 mit dem französischen Chemiekonzern Rhône-Poulenc. Das neue Unternehmen erhält den Namen Aventis und hat seinen Sitz in Straßburg. Auf dem alten Firmengelände in Höchst entsteht ein Industriepark, in dem sich neben verschiedenen Tochtergesellschaften der Aventis und ehemaligen Hoechst AG auch andere Unternehmen ansiedeln.

Ende 1993 gerät die Metallgesellschaft durch Termingeschäfte an den Rand des Konkurses. Bei der anschließenden Sanierung des Unternehmens gehen Zehntausende von Arbeitsplätzen verloren. Wenige Monate später erschüttert der Zusammenbruch des Firmenimperiums des Baulöwen Jürgen Schneider den deutschen Immobilienmarkt. Schneider hatte in den vorangegangenen Jahre durch zahlreiche Geschäftsneubauten und aufwendige Sanierungen historischer Bauten auf sich aufmerksam gemacht. Die Bauvorhaben waren durch Kredite finanziert worden. Durch die bisher größte Pleite der Nachkriegszeit entstehen den Kreditgebern und hier insbesondere der Deutschen Bank Verluste in Milliardenhöhe. 1999 kann der Konkurs des Bauunternehmens Philipp Holzmann nur durch das Eingreifen der Bundesregierung abgewendet werden.

Im Oktober 1993 fällt in Brüssel nach langen Verhandlungen die Entscheidung über den Sitz der zukünftigen Europäischen Zentralbank. 1994 nimmt das Europäische Währungsinstitut seine Tätigkeit im ehemaligen BfG-Hochhaus auf. Im Juni 1998 geht dann aus dem EWI die Europäische Zentralbank hervor. Die EZB bereitet die Einführung der europäischen Einheitswährung, des Euros, vor und soll zukünftig die europäische Geldpolitik steuern. Erster Präsident der Zentralbank wird der Niederländer Wim Duisenberg.

© Helmut Nordmeyer

You want to read this page in English?  Please!

 

Diesen Artikel können Sie auch als pdf-Datei im download erhalten:  chronik_6.pdf
You can download an English copy of this article as a pdf-file:  chronik_6_e.pdf

 nach oben

Instituts-Logo Startseite | Aktuelles | Abteilungen | Service | Veranstaltungen | Newsletter | Hilfe, Sitemap | Impressum  © 2000-2007 Institut für Stadtgeschichte