Institut für Stadtgeschichte 
Karmeliterkloster, Frankfurt am Main

Veranstaltungen im Karmeliterkloster

Vorankündigung:

Der Magnetismus der Kritischen Theorie
Eine Vortragsreihe des Instituts für Stadtgeschichte im Rahmen der Ausstellung: „Die 68er: Kurzer Sommer, lange Wirkung

Moderation: Dr. Michael Fleiter, Institut für Stadtgeschichte
Ort der Veranstaltungen:
Hörsaal 4, Mertonstraße 17-21, Hörsaalgebäude Campus Bockenheim

Freitag, 16. Mai 2008, 19 Uhr
Prof. em. Dr. Oskar Negt
Frankfurt 68. Philosophisches Produktionsfeld. Persönliche Begegnungen
Dass die Mitglieder der Frankfurter Schule den Kategorischen Imperativ: „Auschwitz darf sich nicht wiederholen!“ als eigentliche Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus ansahen, war, so Oskar Negt, der wichtigste Grund der studentischen Faszination. In seinen Lehrveranstaltungen fanden Theoriediskussionen statt, in denen die Kritische Theorie in Form einer Auseinandersetzung mit Gewalt, Herrschaft und Erziehung „weitergeführt“ wurde und die Studenten - in Abgrenzung zu den geistigen Vätern der Revolte - auf „Organisation “ und „Umsetzung der Theorie in die Praxis“ drängten.
Negt selbst hatte in der Studentenbewegung eine Sonderolle inne. Er hatte bei Adorno in Philosophie promoviert, war Assistent von Jürgen Habermas, mit Ernst Bloch befreundet und stand Herbert Marcuse nahe - aber gleichzeitig auch den Studenten wie z. B. ihrem Wortführer im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, Hans-Jürgen Krahl. Durch seine Stellung erlebte er die Reaktion der Frankfurter Philosophen aus der Nähe. Diese hatten ursprünglich die nicht-nationale, intellektuelle und linke Protestbewegung begrüßt, die Furcht vor einer unkontrollierten Massenbewegung führte sie jedoch zu neuen Reflexionsprozessen und Distanzierung.

Freitag, 30. Mai 2008, 19 Uhr
Prof. em. Dr. Alfred Schmidt
Herbert Marcuse und die „Neue Sinnlichkeit“
Philosophische Aspekte der Studentenbewegung
Die zeitgeschichtlichen, auch politologischen Versuche, nach vierzig Jahren das Phänomen der 68er Studentenrevolte angemessen zu beurteilen, bleiben trotz ihrer Vielzahl hinter der geistigen, noch immer nachwirkenden Stoßkraft der damaligen Ereignisse zurück. Die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Proteste gegen den Vietnam-Krieg, Hunger und Unterdrückung in der Dritten Welt, der Feminismus sowie die buntscheckige Breite neuer, literarisch-künstlerischer Zeitströmungen, eine neue, bewusst außerparlamentarisch agierende Linke – alle diese Faktoren können, unbeschadet ihrer globalen Wirksamkeit, den damaligen Zeitgeist studentischer Randgruppen, die selbstsicher die Befreiung der Welt von jeglicher Repression verkündeten, nur unzulänglich erklären. Es war Herbert Marcuse, der zum Mentor der Studentenbewegung werden sollte. Seine Schriften „Triebstruktur und Gesellschaft“ (1957) und „Der eindimensionale Mensch“ (1967), auch sein „Versuch über die Befreiung“ (1969) sind bestrebt, die Tendenzen einer turbulenten Zeit auf ihren philosophischen-praktischen Begriff zu bringen. Er entwickelte die in der Emigration weitergeführten Ideen des Instituts für Sozialforschung fort und machte sie einer umfassenden Analyse der damaligen Epoche dienstbar, wobei er Freuds Werk im Geiste der „neuen Sinnlichkeit“ politisch dechiffrierte. Ein Sozialismus, utopisch längst entworfen, schien greifbar nahe. In Berkeley, Paris, Berlin und Frankfurt wurde Gegenwart als unmittelbar zu gestaltende Geschichte verstanden.- Das utopische Bewusstsein war jedoch mit dem realen Gang der Dinge nicht zu vermitteln.

Freitag, 13. Juni 2008, 19 Uhr
Prof. Dr. Wolfgang Kraushaar
“Die Kräfte des Rausches für die Revolution gewinnen”
Walter Benjamin und die Studentenbewegung
Beinahe alle Repräsentanten der Kritischen Theorie waren für die 1967/68 rebellierenden Studenten von Bedeutung, doch kein anderer hat ihre revolutionären Träume so beflügelt und gleichzeitig so sehr in die Irre geführt wie Walter Benjamin. Mit seinem Essay “Der Autor als Produzent” schien er die politisch als fragwürdig angesehene Rolle von Intellektuellen auf eine neue Grundlage zu stellen, mit seinem Aufsatz über “Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” sich von einer bürgerlich-idealistischen Vorstellung der Kunst zu verabschieden und mit seinen Thesen “Über den Begriff der Geschichte”, die wie eine Art Vermächtnis “an die Nachgeborenen” aufgefasst wurden, ein Revolutionsmodell in Aussicht zu stellen, das sich von den Imperativen Produktivität, Rationalität und Fortschritt gelöst und damit den Marxismus von seinen industrialistischen Fesseln befreit hatte. Das Festhalten an der revolutionären Utopie im Angesicht der Katastrophe machte seine außerordentliche Faszination aus. Zu dem theoretischen Impetus kam noch eine existentielle Komponente hinzu: durch seinen auf der Flucht vor den Nazis begangenen Selbstmord hatte er den Rang seines Werkes, das er selbst als eine “Trümmerlandschaft” betrachtete, auf eine geradezu unüberschreitbare Weise besiegelt. Auch das unterschied ihn von seinen Freunden und Kollegen, die zuvor die Flucht in die USA noch geschafft hatten.

Freitag, 27. Juni 2008, 19 Uhr
--- Die Veranstaltung wegen der Erkrankung des Referenten aus!! ---
Prof. Dr. Detlev Claussen
Das Entkorken der Flaschenpost
Adorno, Horkheimer, Marcuse und ihre Frankfurter Studenten in den Jahren 1967 bis 1969
Im Mai 1968 fragte sich die Weltöffentlichkeit, wie es zur Unruhe der Studenten kam. Herbert Marcuses bis dahin nur Eingeweihten bekanntes Buch „Der eindimensionale Mensch“ fand plötzlich reißenden Absatz. Die Frankfurter Schule wurde in der westlichen Öffentlichkeit als theoretische Grundlage studentischer Protestbewegungen identifiziert. Dieser Mythos hat einen realen Kern, der in Frankfurt zu finden ist. Hier hatten Horkheimer und Adorno nach ihrer Rückkehr aus dem amerikanischen Exil Generationen von Studenten das Öffnen ihrer als Flaschenpost aufgegebenen Kritischen Theorie gelehrt. Hier wurde der Konflikt zwischen Theorie und Praxis virulent, der 1969 in der Besetzung des Instituts für Sozialforschung durch Studenten des SDS kulminierte. Der Vortrag beleuchtet die komplexe und konfliktreiche Geschichte zwischen Horkheimer, Adorno, Marcuse und „ihren“ Studenten, die sich in Frankfurt wie an keinem anderen Ort der weltweiten Revolte in der Tat mit der Kritischen Theorie auseinandersetzten.

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