Das Neue Frankfurt

Die Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“, 1926-1931


Die digitale Präsentation befindet sich zurzeit im Aufbau.

„Neu“ – damit verbinden sich Vorstellungen von „jung“, „zeitgemäß“, „progressiv“ und Ähnlichem. Diesen Assoziationen folgten auch Herausgeber und Mitarbeiter einer Zeitschrift, die vor allem Projekte des kommunalpolitischen Programms „Das Neue Frankfurt“ vorstellte. Das Periodikum verstand sich als Teil des internationalen Diskurses um neues Bauen und neue Gestaltung, hervorgegangen aus einer „Neuen Sachlichkeit“, deren Maßstab „form follows function“ (L. H. Sullivan, 1890) war.

Neben dem Bauhaus als experimenteller Lehrstätte war das „Neue Frankfurt“ das erste umfassende städtebauliche und soziale Programm dieser Art. Dabei war es einer Konstellation günstiger Umstände zu verdanken, dass es gerade in Frankfurt mittels eines Netzwerkes von Politikern, Architekten, Technikern, Künstlern und Designern unter der Leitung von Ernst May (Hochbaudezernent) und Fritz Wichert (Direktor der Kunstgewerbeschule) zu einem der international bedeutendsten Projekte der „klassischen Moderne“ kam.

Der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ kam die Aufgabe zu, die neuen Formen des Bauens, Wohnens und kulturellen Lebens gegenüber der Öffentlichkeit in populärem Gewand zu propagieren. Dazu trug bereits der äußere Eindruck bei, so etwa das ungewöhnliche quadratische Format, die starken Lineaturen sowie die vielfach als Bildcollagen gestalteten Titelseiten.

© Das neue Frankfurt 1928, Heft 4, Titelseite© Das neue Frankfurt 1928, Heft 4, Titelseite
1. Einleitung
2. Die ersten Jahre
3. Programmatik
4. Politischer Standpunkt
5. Das „Frankfurter Register“
6. Das Ende
7. Konnte die Zeitschrift ihr Ziel erreichen?
8. Literatur
9. Die einzelnen Hefte und ihre Hauptthemen (Digitalisate)


1. Einleitung


Das „Neue Bauen“ und die „Klassische Moderne“ polarisieren bis heute.

Während die einen in beidem den Maßstab für jedwede Architektur und Gestaltung sehen, halten andere bestimmte Ausprägungen für „genormte Öde und Monotonie“ (F. L. Kroll, 2011). Unbestritten gehört das „Neue Bauen“ mit seinen Weiterentwicklungen (Nachkriegsmoderne, béton brut u. a.) zur Kulturgeschichte, auch wenn die Bauwerke heute aufwendig saniert und modernisiert werden müssen.

Ziel des Neuen Bauens war es, durch Rationalisierung und Typisierung, durch Einsatz neuer Werkstoffe und Materialien (Eisenbeton, Glas, Stahl) sowie durch funktionale Ausgestaltung von Innenräumen und öffentlichen Bereichen neue Formen des Bauens, Wohnen und Lebens zu entwickeln. Architekten, die sich zum Ziel setzten, dem Maschinenzeitalter entsprechend funktionsgerecht zu bauen, hatten sich schon 1907 im „Deutschen Werkbund“ zusammengeschlossen:

„Exakt geprägte Form, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste, ordnende Glieder, Reihung gleicher Teile und Einheit von Form und Farbe werden entsprechend der Energie und Ökonomie unseres öffentlichen Lebens das ästhetische Rüstzeug des modernen Baukünstlers werden.“ (W. Gropius, 1913)

Die neue Architektur mit ihren kubischen Formen und ineinander geschobenen Raumvolumen folgte überdies Herausforderungen des Massenwohnungsbaus, die zur Verkleinerung der einzelnen Wohnung führten, auch um zwischen den Wohneinheiten Freiflächen zu gewinnen. Die Reduktion tragender Teile auf einzelne Punkte und Flächen erlaubte dabei neue Gestaltungsmöglichkeiten.

Frankfurt wurde von 1925 bis 1933 zu einem Zentrum des „Neuen Bauens“, nachdem Oberbürgermeister Ludwig Landmann den Architekten und Stadtplaner Ernst May, der als Leiter einer Breslauer Baugesellschaft mit Konzepten für dezentrale Siedlungen hervorgetreten war, zum Baudezernent berufen hatte. Ernst May und seinem Mitarbeiterstab ging es um eine Neugestaltung der Stadt in fast allen ihren Lebensbereichen. Dieser umfassende Anspruch unterschied das „Neue Frankfurt“, das sich als gesellschaftliche Reformbewegung verstand, von ähnlichen Initiativen an anderen Orten.

© Ernst May 1926, Fotografie von Otto Schwerin (Deutsches Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, NL May B-2, 62)© Ernst May 1926, Fotografie von Otto Schwerin (Deutsches Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, NL May B-2, 62)

Die Projekte des „Neuen Frankfurt“ wurden in der gleichnamigen PR-Zeitschrift vorgestellt, die sich selbst dnf abkürzte. Das Periodikum ist aus konservatorischen Gründen kaum noch im Original benutzbar, wird aber stark nachgefragt. Einzelne Hefte werden zu hohen Preisen gehandelt, da es keinen vollständigen Nachdruck gibt. Seit 1984 liegt eine Zusammenfassung ausgewählter Artikel unter Themen wie „Neues Bauen – Neues Gestalten“, „Wohnung und Hausrat, „Bildung und Ausbildung“ usw. vor.

Neben den Texten sind auch viele der Illustrationen und Fotos an keiner anderen Stelle mehr greifbar. Dnf hat daher hohen Quellenwert, zumal mit dem erzwungenen Abbruch des Programms nach der NS-Machtergreifung 1933 viele gestalterische Details verloren gingen.

Zusammen mit den Zeitschriften „Die Form“ (Deutscher Werkbund, ab Oktober 1925) und „Bauhaus“ (ab Dezember 1926) war dnf das wichtigste Organ des Funktionalismus in Deutschland und wurde Vorbild ähnlicher Publikationen in Halle, Leipzig, Stuttgart, Berlin, München und Mannheim (Hirdina 1984, S. 11).

Diese Umstände waren Grund genug, die Zeitschrift mit ihren 48 Heften zu digitalisieren. Aus den TIFF-Dateien können Reproduktionen entnommen werden, während die online-Präsentation Ansichts- und Recherchezwecken dient, zum zweiten Mal nach dem Angebot der UB Heidelberg und zum ersten Mal von Frankfurt aus. Die Heidelberger Präsentation umfasst zudem die Zeitschrift „die neue stadt“ (1932/33), die sich zwar als Fortsetzung von dnf unter dem gleichen Herausgeber verstand, aber kaum noch Frankfurter Themen behandelte.

© das neue frankfurt 1930, Heft 2, Titelseite© das neue frankfurt 1930, Heft 2, Titelseite


2. Die ersten Jahre


Dnf erschien in fünf Jahrgängen von 1926 bis 1931. Als Schriftleiter firmierte anfangs Ernst May, der Untertitel lautete zunächst „Monatsschrift für die Fragen der Großstadtgestaltung“. Mit dem Januarheft 1928 übernahm Ernst May die Herausgeberschaft, zusammen mit Fritz Wichert, der ebenfalls zahlreiche Texte beisteuerte. Gleichzeitig wurde der Untertitel in „Monatsschrift für Probleme moderner Gestaltung“ geändert und der Schweizer Kunsthistoriker Joseph Gantner, der an der Kunstgewerbeschule lehrte, zum Schriftleiter ernannt. Nach dem Weggang Ernst Mays in die UdSSR und dem Rückzug Wicherts fungierte Gantner ab dem Novemberheft 1930 zudem als Mitherausgeber.

© c Stadtarchiv Mannheim© c Stadtarchiv Mannheim

Dnf wurde im Verlag von Georg Schlosser publiziert, der Francofurtensien aller Art herausbrachte, in dieser Zeit viele Titel zum „Neuen Bauen“ sowie zur Wohnungswirtschaft. Der Verkaufspreis betrug eine Mark (Doppelheft drei Mark), die Auflage drei- bis viertausend Exemplare (Hirdina 1984, S. 22).

Die Gestaltung der Zeitschrift übernahm Hans Leistikow, der mit May aus Breslau gekommen, um als Leiter des grafischen Büros der Stadtverwaltung kommunale Druckerzeugnisse in Stil der Neuen Sachlichkeit zu vereinheitlichen. Leistikow verwendete die Schrift „Erbar Grotesk“ im Blocksatz mit Randspalte, außerdem breite horizontale und vertikale Linien sowie große, extrafette Seitenzahlen. Ab 1928 verzichtete er auf die breiten Vertikallinien, und in den späteren Heften finden sich kaum noch Lineaturen. Auf der Titelseite war zunächst nur die Heftnummer farbig hervorgehoben. Diese Schmuckfarbe wurde später in die gesamte Titelgestaltung einbezogen, die meist aus Fotos oder Collagen von Grete Leistikow bestand. Viele der Werbeanzeigen weisen starke formale Ähnlichkeit mit dem redaktionellen Layout auf. Nachdem Leistikow mit May in die Sowjetunion gegangen war, übernahm ab dem Oktoberheft 1930 Willi Baumeister (Dozent für Gebrauchsgrafik an der Kunstgewerbeschule) die Aufgabe, was zur weiteren Auflockerung der ursprünglich streng formalen Gestaltung führte.

© Anonyme Fotografie, 1925 (Privatbesitz, C. Leowald-Mayer)© Anonyme Fotografie, 1925 (Privatbesitz, C. Leowald-Mayer)

Die Fotografen, die für die Zeitschrift arbeiteten, wurden nur in selten in direkter Zuordnung zu ihren Bildern genannt. Dies wundert, da die Fotografie in dieser vom Bauhaus beeinflussten Epoche grundsätzlich aufgewertet und zunehmend an Kunsthochschulen unterrichtet wurde sowie öfters Thema in dnf selbst war. Möglicherweise haben die Herausgeber die Fotografie doch eher als nachgeordnete Kunst angesehen, zumal sie nicht selten von Frauen ausgeübt wurde, denen das Architekturstudium zu dieser Zeit noch kaum offen stand. Aus Einzel- und summarischen Nachweisen sowie aus anderen Quellen weiß man, dass folgende Fotografinnen und Fotografen für dnf tätig waren: Ilse Bing, Hermann Collischon, Marta Hoepfner, Grete Leistikow, Paul Wolff. Sofern eine Zuordnung von Fotograf und Bild nicht eindeutig möglich ist, muss im urheberrechtlichen Sinn bis auf weiteres von anonymen Werken ausgegangen werden.

© ISG Frankfurt© ISG Frankfurt


3.Programmatik


Bereits das erste Heft (Oktober 1926) brachte im Editorial das Ziel einer Übertragung zweckmäßig-rationalisierter Industrieformen auf das private und öffentliche Leben zum Ausdruck:

„Die Industrie hat sich vielleicht am kürzesten mit rückschauendem Formalismus befaßt. Die Dampfmaschinen in renaissancistischen Formen wichen bald funktioneller Gestaltung von zweckbedingter Schönheit. Automobile, Flugzeuge und Dynamomaschine entwickelten sich ... eindeutig im Sinne der Vereinigung vollkommenster Zweckerfüllung mit knappster Form. (...). Langsam verläßt die Architektur die Bahnen des Epigonentums und erkennt die Stilgesetze unserer Zeit. Der Industriebau zeigt bereits Gestaltungen von einer neuen, machtvollen Monumentalität. (...) Der Irrsinn der Menschenzusammenpferchung in den steinernen Massen der Mietskasernen weicht einer weiträumigen Auflockerung der Städte (...). Nicht länger will der moderne Mensch lediglich Luxusgegenstände für die wenige Reichen erzeugen, ihn fesselt die Gestaltung vollendeter Modelle, die die Maschine ... als Massengut erzeugen soll.“ (E. May, 1926/27, H. 1, S. 4).

Der Schriftleiter gab dnf den Auftrag einer Popularisierung dieser Ideen, unterstützt durch eine reichhaltige Bebilderung – ein Konzept, das von Verbesserungen im Fotodruck profitierte, die generell einen Aufschwung der immer beliebter werdenden Illustrierten ermöglichten:

„Überall stoßen wir auf das Bestreben zur Ausmerzung des Schwächlichen, Imitatorischen, Scheinhaften, Unwahren, überall bemerken wir zielbewußten Kampf um Kräftigung, kühne Neugestaltung, Materialgerechtheit und Wahrheit. (...) Ausgehend von der städtebaulichen Gestaltung des Großstadtorganismus ... wird sie [die Zeitschrift] ihr Arbeitsgebiet ausdehnen auf alle Gebiete, die für die Formung einer neuen, geschlossenen Großstadtkultur von Bedeutung sind. Bewußt wird auf die ... wissenschaftliche Darlegung ... zu Gunsten einer ... leicht verständlichen Betrachtungsweise verzichtet werden. An Hand zahlreicher Abbildungen mit kurzen erläuternden Texten ... soll die praktische Entwicklung einer neuen Großstadtgestaltung aufgezeigt werden.“ (E. May, 1926/27, H. 1, S. 4)

Dabei erhielt dnf von Anfang an einen internationalen Charakter:

„Wenn auch die Formung der Stadt Frankfurt am Main der Hauptgegenstand ... sein wird, so ... beabsichtigen ... [wir], führende Köpfe aus allen Teilen unseres Landes wie des Auslandes zu Worte kommen zu lassen, deren Denken und Handeln verwandten Zielen zustrebt.“ (E. May, 1926/27, H. 1, S. 5).

Dieses Programm wurde vom ersten Heft an umgesetzt. Regelmäßig druckte dnf Gastbeiträge (von Raymond Morris, Le Corbusier, Adolph Loos, Wilhelm Gropius und anderen), und immer ging der Blick in andere Städte und Länder, um Gleichgesinnte vorzustellen. Die Zeitschrift war stolz auf Korrespondenten und Abonnenten in andern Ländern und verstand sich zunehmend als „internationale Tribüne für die Problem kultureller Neugestaltung“ (1931, H. 5, S. 99). Überdies trat dnf als Veranstalter der „Frankfurter Kurse für Neues Bauen“ auf, ein Vier-Tage-Seminar, an dem jeweils rund 180 Interessenten teilnahmen.

© das neue frankfurt 1930, Heft 12, nach S.268© das neue frankfurt 1930, Heft 12, nach S.268

Die meisten Hefte behandelten, was in Frankfurt errichtet, geregelt, projektiert, gelehrt und veranstaltet wurde. Es dominierten insgesamt aber das Bauen und die Siedlungen, während die Produktgestaltung in Rezensionspalten und Annoncen rutschte (Hirdina 1984, S. 37). Möglichweise hat dies dazu beigetragen, dass der Begriff „Neues Frankfurt“ vorwiegend und in zu enger Auslegung mit dem kommunalen Wohnungsbau und der Person Ernst Mays in Verbindung gebracht wird (Schilling in Brockhoff 2016, S. 14).

Der Denkmalschutz – der heute viele Bauten des „Neuen Frankfurt“ bewahrt, sowie spätere Umgestaltungen rückgängig macht – hatte es zur Zeit des „Neuen Bauens“ und seiner Nachfolger nicht leicht. Die Vorstellung eines Arbeitens mit dem Bestand war angesichts des starken Sendungsbewusstseins der Protagonisten kaum vorhanden. (Nur selten sind in dnf selbstkritische Beiträge zu finden).

Dnf kommentierte mehrmals den „Tag des Denkmalschutzes“, geprägt von Verständnislosigkeit und Angriffslust; so hieß es beispielsweise, historische Stadtkerne müssten sich auffällige Leuchtreklame sowie den allmählichen Austausch alternder Bauten durch kubistische Gebäude grundsätzlich gefallen lassen (1928, H. 1, S. 19). Schon im ersten Heft hatte Ernst May angekündigt, aus dem alten ein neues Frankfurt machen zu wollen:

„Wir wollen stolz sein auf die Traditionen unserer herrlichen Stadt am Main, auf ihr Aufblühen durch schwere und frohe Tage. Wir lehnen es aber ab, diese Tradition dadurch zu ehren, daß wir ihre Schöpfungen kopieren. Wir wollen uns im Gegenteil ihrer würdig zeigen, daß wir mit festen Füßen in der heutigen Welt stehen und aus den lebendigen Lebensbedingungen unserer Zeit heraus entschlossen Neues gestalten. So soll diese Monatsschrift der Bevölkerung unserer Stadt ein Führer ihrer fortschreitenden Entwicklung werden, sie darüber unterrichten, wie aus dem alten Frankfurt ein neues wird.“ (1926/27, H. 1, S. 5f.)

© das neue frankfurt 1928, Heft 7+8, vor S.113© das neue frankfurt 1928, Heft 7+8, vor S.113


4.Politischer Standpunkt


Dnf war eine plakativ arbeitende PR-Zeitschrift, die die neuen Ideale beständig variierte („Vereinigung vollkommenster Zweckerfüllung auf knappster Form“ usw.) und mit bildunterstützten Gegenüberstellungen arbeitete:

„Ende des 19. Jahrhunderts. Wirtschaftliche Blüthe bei gleichzeitigem Rückgang des Kulturniveaus (...). Moderner Innenraum unserer Zeit. Ein neues Suchen nach Sachlichkeit und Materialgerechtigkeit bricht sich Bahn.“ (1926/27, H. 1, S. 9).

Dahinter stand offenbar die Vorstellung, dass es nach der Revolution 1918/19 aus volkserzieherischen Gründen keine Bauformen mehr geben solle, die Anklänge an Stile aus monarchisch-ständischen Zeiten boten. Die Ausrichtung mancher Beiträge ging dabei über das Demokratische hinaus ins Kollektivistische:

„Auch die Entwicklung der soziologischen Verhältnisse drängt immer eindeutiger nach kollektivistischer Unterbringung des Menschen. Alle Versuche, künstlich den Individualbau am Leben zu erhalten oder bevorzugt zu fördern, widersprechen dieser Evolution. In Arbeit, Sport und Spiel, vor allem in der Politik tritt der Kollektivismus klar zu tage. Nichts wäre unlogischer und gleichzeitig unwahrer, als wollte man diese Tatsachen im Wohnungsbau verleugnen. Die Wohnsiedlung unserer Tage wird, ähnlich den Bienenwaben, die Summe gleicher Wohnungselemente ausmachen.“ (E. May, 1930, Heft 2/3, S. 36).

Das Foto eines Wohnblocks in Rotterdam mit hunderten gleichartiger Fenster vor hunderten gleichartiger Wohnungen erhielt die Unterschrift:

„Neue Bauformen entsprechen neuen Gesellschaftsformen. Bindung / Reihung gleicher Elemente.“ (1926/27, H. 1, S. 15)

Über das Theater heißt es:

„Entscheidend wird für alle Zeiten der Zusammenhang des Künstlerischen mit dem Sozialen sein, und der fehlt im heutigen Theater ... fast ganz. Ist er einmal da, vermag das Theater ... an das ganze Volk zu appellieren, dann wird jeder Zuschuß aus allgemeinen Mitteln, so wie heute in Rußland, berechtigt sein. Ob er dann noch gebraucht wird, ob in gleicher Form und Höhe wie heute, das wissen wir nicht.“ (J. Gantner, 1930, H. 12, S. 266)

Vielfach brachte die Zeitschrift affirmative Berichte über neue Errungenschaften in der Sowjetunion (Städte- und Wohnungsbau, künstlerische Avantgarde, sozialer Film), bis hin zur ausführlichen Verabschiedung Ernst Mays und mehrerer seiner Mitarbeiter, die 1930 dem Ruf Stalins folgten („Brigade May“), während andere Mitarbeiter nach der Machtergreifung emigrierten (F. Kramer u. a.) oder blieben und entweder keine Aufträge mehr erhielten (M. Elsässer u. a.) oder vorübergehend an NS-Projekten mitwirkten (W. Hebebrand, M. Cetto u. a.).

© das neue frankfurt 1930, Heft 9, Titelseite© das neue frankfurt 1930, Heft 9, Titelseite


5.Das „Frankfurter Register“


Der Zeitschrift lag unregelmäßig das „Frankfurter Register“ bei – kein Nachschlagewerk, sondern Reklame in eigener Sache. Hier wurden auf ein bis zwei Seiten Erzeugnisse der „Frankfurter Norm“ angeboten, ein Programm, das die gestalterisch passenden Accessoires für die neuen Wohnungen anbot (Möbel, Hausrat, Türklinke, Telefon usw.). Zu diesem Zweck war innerhalb des Hochbauamts eine „Abteilung für Typisierung“ eingerichtet worden.

Die städtische Erwerbslosenzentrale produzierte Möbel, die über die städtische „Hausrat GmbH“ vertrieben wurden. Gestalter waren unter anderem die Architekten Franz Schuster und Ferdinand Kramer, auch in Zusammenarbeit mit der Kunstgewerbeschule. Während bestimmte Produkte von größeren auswärtigen Unternehmen hergestellt wurden (Uhren von Junghans, Stühle von Thonet, Hausrat von WMF), waren ansonsten örtliche Firmen und Werkstätten eingebunden.

© Das neue Frankfurt 1931, Heft 3© Das neue Frankfurt 1931, Heft 3

6.Das Ende


Die Weltwirtschaftskrise wirkte sich nicht zuletzt auf das kommunale Bauen aus. Die Themen der Zeitschrift dnf verschoben sich daher mit dem Jahrgang 1930 vom Bauen (das nur mehr im Rückblick auf Geleistetes vorkam) auf Bildung, Kunst und Sport. Darüber hinaus führte der Rückgang von Projekten und Programmatik in Frankfurt und Deutschland zu einer Zunahme von Berichten aus anderen Ländern, auch als Signal eines kollektiven Präsenzbeweises an alle Gegner des „Neuen Bauens“. Der Untertitel der Zeitschrift wurde entsprechend geändert in „Internationale Monatsschrift für die Probleme kultureller Neugestaltung“ (Hirdina 1984, S. 45).

Mit Abnahme der Bautätigkeit lebte das „Neue Frankfurt“ zunächst noch in seinen Medien weiter. Dazu gehörten der „Bund Neues Frankfurt“ mit zahlreichen Veranstaltungen, eine Ausstellung (die durch Europa tourte) und vor allem dnf, in dem jetzt auch von ersten Reaktionen auf geringer werdende finanzielle Möglichkeiten zu lesen war (Walter Gropius setzte in H. 2/1930 der Dominanz des Flachbaus in Stadtrandsiedlungen die erneute Verdichtung sowie gemischte Bebauungsformen entgegen, und im nächsten Heft wurde das Kleinauto propagiert). Gleichwohl stellte die Zeitschrift nach dem Dezemberheft 1931 das Erscheinen ein, ohne dass in einem Beitrag der Redaktion explizit auf die Gründe hingewiesen wurde.

Nach einer Pause von drei Monaten fand dnf ab April 1932 eine Fortsetzung unter dem Titel „die neue stadt“. Herausgeber war nach wie vor Joseph Gantner. Das neue Periodikum erschien zwar im „Verlag die neue stadt, Philipp Fink, Frankfurt - Groß Gerau“, aber in den Themen wurde die Bindung an Frankfurt aufgegeben. Im ersten Heft deutete sich an, was künftig ausführlicher behandelt werden sollte: Städtebau, Theater, bildende Kunst, Ausbildung.

Da die wirtschaftliche Lage in Deutschland kaum noch ausgedehnte Projekte im ursprünglichen Sinne des „Neues Bauens“ zuließ, ging der Blick der neuen Zeitschrift vornehmlich ins Ausland, insbesondere in die Sowjetunion. Darüber hinaus erklärte „die neue stadt“ Generalbebauungspläne und Planwirtschaft zu Wegen aus der durch kapitalistisches Handeln verursachten Krise, während auf der Straße und in den Wahlen die Nationalsozialisten immer mehr an Boden gewannen. Das letzte Heft überhaupt brachte Gantner, der nach der Machtergreifung in die Schweiz zurückkehrte, im Juni 1933 in Zürich heraus.

© Das neue Frankfurt 1931, Heft 9, S.157© Das neue Frankfurt 1931, Heft 9, S.157

7.Konnte die Zeitschrift ihr Ziel erreichen?


Dnf hatte klare Vorgaben propagiert, die keinen Pluralismus duldeten. Schon im ersten Heft erklärte Fritz Wichert den Historismus des 19. Jahrhunderts zum Hauptfeind; Jugendstil und Art déco ließ er aufgrund der Betonung des Dekorativen nicht als eigenständige Schöpfungen gelten:

„In der Formenverwirrung, in die wir durch die Nachahmung der historischen Stile hineingeraten waren, gab es schließlich keinen anderen Ausweg als sich auf das Notwendigste zu besinnen und den Aufbau der Formen unter strengster Vermeidung gefühlsmäßiger Ausdruckskünste in Anlehnung an technische und konstruktive Forderungen vorzunehmen. Angeregt durch die Schönheit der Maschinen, der Schiffe, Flugzeuge und Motorwagen und nicht zuletzt auch durch die hinreißende ... Ausdruckskraft industrieller Zweckbauten war man dazu übergegangen, das Haus gleichsam nach den Grundsätzen des Maschinenbaus zu errichten. Die neue Baukunst wird zu einer völlig neuen Lebenshaltung der Menschen führen, den schlecht verteilten Bevölkerungsmassen vieler Wohngebiete ein menschenwürdigeres Dasein sichern und wieder schöne einheitliche Städte schenken. (...). Das wesentliche Merkmal der neuen Gestaltungweise war die Aufhebung jeglicher Angleichung an gewachsene Dinge: keine Vermenschlichung der Massen wie in Renaissance, Barock und Rokoko. (...) Wie eine Maschine, wie ein Auto, wie ein Auslandskreuzer, so sollten auch das Haus und der Hausrat ihre vollendet klaren Formen aus der richtigen Beachtung der Funktionen gewinnen.“(1926/27, H. 1, S. 21f.)

Dnf konnte die aus diesem kompromisslosen Avantgardeanspruch resultierenden Akzeptanzprobleme kaum lösen. Es gab durchaus aufgeschlossene Interessenten, die selbst großbürgerliche Quartiere verließen, um eine der modernen Wohnungen mit Warmwasser, Einbauküche, helleren Zimmern, Stromanschluss und Gärten zu beziehen und dabei auch von den Einrichtungsvorschlägen Gebrauch machten.

Ein großer Teil der Siedlungsbewohner indes war mit dem neuen Gesamtkonzept offenbar überfordert. So wurden schon beim Erstbezug Teile der „Frankfurter Küchen“ demontiert und durch Buffetschränke ersetzt, als kurze Wege gedachte Türen mit Möbeln zugestellt oder hochklappbare Einbaubetten gegen große Betten getauscht, auf denen Handarbeiten ausgelegt werden konnten. Die rigiden Vorgaben hinsichtlich der Gestaltung persönlichen Eigentums im öffentlichen Raum (Grabsteine, Gartenhütten u. a. m.) empfanden weite Teile der Bürgerschaft als Geschmacksdiktatur.

Erfolgreicher war die ebenfalls von der Zeitschrift propagierte Vereinheitlichung von Leuchtreklamen, Ladenbeschriftungen, Plakaten, Wegweisern usw. durch die Gestalter Walter Dexel, Robert Michel und Adolf Mayer, allerdings trug dazu auch die neue städtische Reklameordnung vom April 1928 bei, deren Einhaltung streng überwacht wurde.

So umstritten das „Neue Frankfurt“ unter den Zeitgenossen war, so groß wurde die Verehrung im Nachhinein. Nachdem die „Frankfurter Küche“ und andere Designobjekte in den siebziger Jahren in große internationale Museen aufgenommen worden waren, geriet auch die Zeitschrift wieder in den Blick, denn sie dokumentierte, dass das „Neue Frankfurt“ keine dem Bauhaus nachgeordnete, sondern ein eigenständige, parallele Entwicklung gewesen war, die gleichfalls eine Vielzahl neuer Wege wies.

Mit der Zuordnung des „Neuen Frankfurt“ zur „Klassischen Moderne“ und deren Musealisierung begann allerdings auch die Hervorbringung von Repliken, Imitationen und Zitaten. Damit erging es dem „Neuen Bauen“ wie Romanik, Gotik, Renaissance und Barock im Historismus. Etwa zur gleichen Zeit fand eine neue Zeit aus sich heraus mit der „Postmoderne“ einen eigenen, neuen Ausdruck, nicht ohne von Anhängern der „klassischen Moderne“ – die Generationen von Architekten, Stadtplanern und Gestaltern geprägt hatte – dafür kritisiert zu werden, Formen nicht mehr nur von Funktionen abhängig machen zu wollen.

Tobias Picard

8. Literatur


E. Brockhoff (Hg.): Akteure des Neuen Frankfurt. Biografien aus Architektur, Politik und Kultur, Frankfurt 2016.

Chr. Welzbacher: Das Neue Frankfurt. Planen und Bauen für die Metropolen der Moderne, Berlin/München 2016.

P. Eisele u. a. (Hg.): Futura. Die Schrift (Ausstellungskatalog Gutenberg-Museum), Mainz 2016.

S. Henderson: Building Culture. Ernst May and the New Frankfurt am Main Initiative 1926-1931, New York 2013.

H. Barr u. a.: Das Neue Frankfurt. Spaziergänge durch die Siedlungen Ernst Mays und die Architektur seiner Zeit, Frankfurt 2007.

T. Picard: „Durch den Kopf des Auftraggebers denken“. Der Gestalter Hans Leistikow, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 69 (2003), S. 99-126.

W. Prigge / H.-P. Schwarz (Hg.): Das Neue Frankfurt. Städtebau und Architektur im Modernisierungsprozess 1925-1988, Frankfurt am Main 1989.

H. Klotz: Ernst May und das neue Frankfurt 1925-1930, Berlin 1986.

H. Risse: Frühe Moderne in Frankfurt am Main 1920-1933, Frankfurt 1984.

H. Hirdina (Hg.): Das Neue Frankfurt, die neue stadt. Eine Zeitschrift zwischen 1926 und 1933, Dresden / West-Berlin 1984 (zweite Auflage 1991).

2003 gründete sich die „Ernst-May-Gesellschaft“ zur „Förderung von Baukunst, Kunst und Kultur, des Denkmalschutzes sowie der Förderung von Wissenschaft und Forschung“. Ab 2006 richtete die Gesellschaft das Reihenhaus Im Burgfeld 136 (Siedlung Römerstadt, F-Heddernheim) als Musterhaus des „Neuen Frankfurt“ her, versetzte es in den Ursprungszustand und nutzt es für Veranstaltungen sowie für die Anlage eines Archivs.

9.Die einzelnen Hefte und ihre Hauptthemen


Jahrgang 1 (1926/27)

Heft 1 (Oktober/November 1926): Editorial

Heft 2 (Dezember 1926): Das Frankfurter Wohnungsbauprogramm und Montageverfahren

Heft 3 (Januar 1927): Reklame

Heft 4: Die Frankfurter Kunstgewerbeschule

Heft 5: Wohnungspolitik, Baulanderschließung und Kleinstwohnungstypen in Frankfurt

Heft 6: Neue Musik

Heft 7: Das flache Dach

Jahrgang 2 (1928)

Heft 1: Hausrat und typisierte Möbel

Heft 2: Theater, Film, Rundfunk

Heft 3: Bildhafte Fotografie

Heft 4: Baukunst und Malerei (betr. O. Schlemmer, W. Baumeister u. a.)

Heft 5: Das soziale Moment in der neuen Baukunst

Heft 6: Der Frankfurter Hauptfriedhof und die neue Friedhofsordnung

Heft 7/8: Neue Siedlungen in Frankfurt (Praunheim, Römerstadt, Ginnheim, Bruchfeldstraße, Bornheimer Hang)

Heft 9: Städtebau und Gestaltung in Rotterdam, Nürnberg, Magdeburg, USA

Heft 10: Architektur und Glasmalerei

Heft 11/12: Bildung und Erziehung

Jahrgang 3 (1929)

Heft 1: Neue Industriebauten in Frankfurt

Heft 2: Der Stuhl und andere Sitzmöbel

Heft 3: Experimentelle Fotografie und Fotogramm

Heft 4: Frankfurter Reklameordnung und Geschäftsstraßen

Heft 5: Die Frankfurter Kunstgewerbeschule

Heft 6: Neues Bauen in der Schweiz

Heft 7/8: Die Gestaltung moderner Verkehrsmittel

Heft 9: Nachrufe auf Adolf Meyer (Leiter der Klasse für Hochbau an der Frankfurter Kunstgewerbeschule

Heft 10: Der Frankfurter Palmengarten

Heft 11: Die Wohnung für das Existenzminimum (Zweiter CIAM-Kongress, Frankfurt)

Heft 12: Das neue Gebäude der Frankfurter Zeitung „Volksstimme“

Jahrgang 4 (1930)

Heft 1: Sport; Das neue Russland

Heft 2/3: Fünf Jahre Wohnungsbau in Frankfurt („Frankfurter Typengrundrisse“, Siedlungen Westhausen und Praunheim)

Heft 4/5: Fünf Jahre Wohnungsbau in Frankfurt (Siedlungen Römerstadt, Höhenblick, Lindenbaum, Raimundstraße, Miquelstraße, Bruchfeldstraße, Goldstein, Hellerhof u. a. m.)

Heft 6: Museen und Ausstellungen

Heft 7: Das Altenwohnheim der Budgestiftung in Frankfurt

Heft 8: Der dokumentarische Film (UdSSR, Niederlande)

Heft 9: „Deutsche bauen in der UdSSR“ (Verabschiedung von Ernst May, Hans Leistikow und anderen)

Heft 10: Was wird aus dem Theater?

Heft 11: Museen und Ausstellungshäuser

Heft 12: Neue Schulbauten in Frankfurt; Jugend und Erziehung

Jahrgang 5 (1931)

Heft 1: Adolph Loos zum 60. Geburtstag

Heft 2: Flach-, Mittel- oder Hochbau? (W. Gropius)

Heft 3: Das wirtschaftliche Kleinauto

Heft 4/5: Die Großstadt als biologisches Problem (Ernährung, Kinderfürsorge, Krankenhäuser, vor allem mit Frankfurter Beispielen)

Heft 6: Aus dem russischen Fünfjahresplan

Heft 7: Der Bau neuer Städte in der UdSSR

Heft 8: Volksbildung und Bildung in Frankfurt und andernorts

Heft 9: Das neue Gewerkschaftshaus in Frankfurt

Heft 10: Die neue Bildungsaufgabe der Volksschule

Heft 11/12: Rhein-mainische Regionalplanung


Die Universitätsbibliothek Heidelberg hat auch „die neue stadt“ als Fortsetzung der Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ online gestellt: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/neue_stadt

„Die neue Stadt. Internationale Monatsschrift für architektonische Planung und Kultur“ (zehn Hefte 1931/32, vier Hefte 1933)

Heft 1/April 1932 (Automobilbau, Theater), Heft 2 (Neues Bauen in Schweden), Heft 3 (Sterbende Städte oder planwirtschaftlicher Städtebau?), Heft 4 (Die neue Skyline von New York, Werkbundsiedlung Wien), Heft 5 (europäische Malerei der Gegenwart), Heft 6/7 (Stadterweiterung und Neues Bauen in Bern), Heft 8 (Städtebau als Wirtschaftsbau), Heft 9 (neue englische Malerei; Bilanz über die Entwicklung amerikanischer Städte), Heft 10/Januar 1933 (Die gegenwärtige Situation des Films; die Arbeit der Brigaden May und Meyer in Groß-Moskau), Heft 11/Februar 1933 (Stuttgart als „schöne und moderne“ Stadt), Heft 12/März 1933 (Internationale Auto- und Motorradausstellung Berlin), letztes Heft Juni 1933 (Stadtporträt Zürich; Brief eines jungen Architekten an den Reichminister für Volksaufklärung und Propaganda).